Leseprobe
Als die
Späher ihm die Nachricht überbrachten, glaubte er zunächst an einen
Scherz. Er
blickte in ihre Gesichter, musste jedoch einsehen, dass sie es nicht
wagen
würden, solch eine Sache als Schabernack auszulegen. Auch wenn er auf
dem
Gesicht des Berichtenden ein leichtes Grinsen erkennen konnte, war er
doch
sicher, dass es nur die Freude über die außergewöhnliche Tatsache war,
die
dieser berichtete.
Plötzlich
fiel ihm die verwegene Geschichte von der Befreiung der Ostfalen wieder
ins
Gedächtnis zurück. Vor mehr als zehn Winter war es, auf der Klosterburg
Verden. Gundar führte sie damals unter dem Schutz der Gefangenen in die
gesicherte Burg. Groß war das Gemetzel und groß war nach diesem Tage
auch die
Furcht der Franken vor dem Namen Gundar. Sie kannten ihn wahrscheinlich
heute
noch, obwohl der große Krieger der Nordalbinger bereits seit sieben
Winter im
ewigen Heer der Götter reitet. Es war an der Zeit, den großen Gundar
abzulösen,
die Franken sollten einen neuen Namen fürchten. Seine Idee reifte
schnell zum
Entschluss und die Verwegenheit des Planes wischte jede Vorsicht
hinfort.
Er
schaute nun schon eine Ewigkeit auf seine Krieger, fünfhundert
Nordalbinger
standen da, und noch einmal fünfhundert Friesen, dann noch mehr als
dreihundert
Dänen und knapp zweihundert Abodriten.
Den
Schild packte er jetzt fester und mit dem Gehabe eines Schamanen zog er
sein
Schlachtschwert aus dem Schultergurt. Er hob es in die Sonne und drehte
es so,
dass ein Blitzen bis in die letzte Reihe zu sehen war.
Seine
Fersen pressten sich augenblicklich an den Leib seines Pferdes. Famir
stieg auf
und wieherte. Wie vom Blitz getroffen, ritt er die lange Front der
Krieger ab.
Seine blonden Haare flogen, wie auch der schwarze Schweif des edlen
Rappen, dem
Heerführer hinterher.
Seine
Krieger erhoben ihre Lanzen oder Schwerter, sobald er sie passierte,
und
huldigten Tangahar mit ohrenbetäubendem Lärm. Dreimal ritt er an ihnen
allen
vorbei, bevor er sein Pferd wieder in die Linie seiner Edlen
zurückführte.
Auch
Chrisgar und Trasmund gehörten nun dazu, ihr mutiges Handeln im Land
der
Abodriten war ihm nicht entgangen. Jetzt standen sie in einer Reihe mit
den
Nordalbingern Tanquist und Hainar, den Friesen Rutger und Rangan, dem
Westfalen
Wulflan und dem Dänen Erik. Raimund van de Vehnenburg genoss weiterhin
die
Gastfreundschaft Tangahars, aber eigentlich war es schon viel mehr. Der
Ritter
Tankred van Lüttich hatte das Winterlager der Nordalbinger aufgesucht,
um über
ein Ereignis zu berichten, das sie jetzt zum Handeln zwang. Mit ihm und
seinen
Begleitern war damit die Anzahl der Franken im Heer Tangahars auf mehr
als
fünfzig Reiter angestiegen.
»Krieger
des Nordens«, rief der Heerführer, »viele von euch kämpfen ebenso lange
gegen
die Franken, wie ich. Der eine oder andere wird schon bald in das
heilige Heer
seines Gottes Einkehr finden...
Die
meisten aber werden ihr Lebtag kämpfen, ohne die Hauptperson des
Krieges je von
Angesicht gesehen zu haben.«
Er
machte eine Pause, um seine Worte wirken zu lassen. Worte, die selbst
Raimund
augenblicklich verwirrten, dann fuhr er fort: »Ich verspreche hier,
dass im
Morgengrauen am Ufer der Aller der König der Franken und Langobarden,
der
mächtige Karl, der Träger der Doppelkrone, der oberste Krieger der
Christenheit, vor euer Angesicht erscheint und voller Zorn auf uns
blicken
wird.«
Es
dauerte eine Weile, bis die Worte zu allen Einheiten durchgedrungen
waren, und
wahrscheinlich fielen die Reiter in den hinteren Reihen, ohne zu wissen
warum,
in ein tausendfaches Kriegsschrei...
Als
die Dunkelheit anbrach, waren sie bereits unterwegs. Sie nutzten die
geheime
Furt, die nur sie kannten, um den Fluss zu überwinden. Nach einem
langen Ritt
erreichten sie die Nähe des Frankenlagers.
Einhundert
Friesen ließ Tangahar hier zurück. Sie entzündeten ein abgedunkeltes
Feuer und
hielten ihre Pfeile bereit. Fünfzig Krieger folgten dem weiteren Ritt
des
Heerführers. Alle Edlen waren darunter, sogar die Franken Raimund und
Tankred.
Zwei Dutzend Friesen ritten ihnen voraus, um die überraschten Wachen
niederzuschießen.
Jeden Augenblick mussten die die Alarmglocke schlagen.
Dann
zischten die ersten Pfeile durch die Dunkelheit, wurden Alarmrufe im
Blut
erstickt. Nur das Bellen der Hunde störte die Ruhe des Lagers. Und als
jemand
nach den wütenden Tieren sah, waren sie schon um ihn. Raimund hieb dem
schläfrigen Krieger das Beil über den Schädel.
Immer
tiefer drangen sie lautlos in das Lager ein. Die Tiere hatten die
Gefahr längst
erkannt. Die die Hunde bellten immer wütender, die Pferde an den
Stricken wurden
unruhiger, aber noch kamen sie ohne merklichen Widerstand voran. Zu
sorglos
waren jene, die sie hätten aufhalten können, zu wenige waren diese, die
es
taten und aufgespießt oder erschlagen wurden. Erst als Tangahars Augen
eines
der königlichen Banner entdeckten, wurden auch sie entdeckt. Ein
gellender
Schrei zerriss die Luft. Jetzt flogen die Lanzen der Reiter gegen die
zum Kampf
heranstürzenden Franken.
Tangahar
nutzte die Verwirrung und galoppierte im Schutz seines Schildes auf das
Banner
zu. Während er mit der Rechten die Lanze mit den königlichen
Doppelkronen aus
der Halterung riss, schlug er den Schild in das Gesicht eines Franken,
der
versuchte, ihn vom Pferd zu stoßen. Schon stürmten zwei Krieger mit
Lanzen auf
ihn zu, aber Chrisgar und Erik ritten denen entgegen und hieben sie
nieder.
Jetzt
war überall Kampflärm. Tangahar hob das Banner in die Höhe und rief
fortwährend
seinen eigenen Namen: »TANGAHAR!
TANGAHAR! TANGAHAR!«
Er ließ sein Pferd auf der Stelle tänzeln. Sein
Gesicht war nun zur Fratze verzerrt. Den Triumpf des Königs Banner zu
besitzen,
wollte er den fassungslosen Franken noch einen Augenblick vor Augen
führen.
»Seht
den Heerführer der Nordalbinger - sein Name soll euch Schrecken sein! TANGAHAR! TANGAHAR!«, schrie
der fränkische Ritter Raimund van de Vehnenburg den erstarrten
Landsleuten entgegen. Dann musste er plötzlich hinter
seinem Schild Deckung nehmen, um einem Angriff auszuweichen, wurde
jedoch
sofort von Wulflan entlastet, der den Angreifer niederstach. Dann
setzte dieser
das Horn an die Lippen und ein tiefer, dumpfer Ton erklang durch das
Lager. Die
Sachsen wendeten ihre Pferde zur Rückkehr und umringten ihren
Heerführer, der
weithin sichtbar über ihren Köpfen des Königs Banner führte.
Sie
galoppierten mit lautem Kriegsgeschrei zwischen den Zelten hindurch;
hieben und
stachen um sich, aber schon waren ihnen die ersten feindlichen Ritter
auf den Fersen. In
aller Eile trieben diese ihre Kriegsknechte auf die Pferde und stürzten
den Sachsen
hinterher, die sich ihre Schilde bereits auf die Rücken gebunden
hatten, um den
Pfeilen der fränkischen Bogenschützen zu entgehen.
Im
Lager herrschte ein heilloses Durcheinander, viele Krieger konnten gar
nicht
begreifen, was hier eigentlich geschah. Sie sahen dunkle Schatten durch
das
Lager galoppieren, hörten die Schreie der Verwundeten, die Befehle der
Ritter,
das Kriegsgeschrei der Sachsen. Und immer wieder hörten sie den Ruf
eines
einzelnen Namen: »TANGAHAR!«
Dann
kam das Feuer der Friesen über das Lager. Hundert Pfeile und noch
einmal
hundert Pfeile flogen brennend durch die Luft und stachen in Mensch und
Tier,
setzten Zelte in Brand, schufen ein unglaubliches Chaos. Es wurde nach
Wasser
gerufen, Verletzte mussten umsorgt und durchgegangene Pferde wieder
eingefangen
werden. An eine Verfolgung der fliehenden Angreifer war nicht mehr zu
denken.
Karl war
außer sich vor Wut. Fast hätte er den Grafen Richard erschlagen. Im
Zelt des
Königs herrschte nach dem Wutanfall eine mörderische Ruhe.
»Siebenundsiebzig
Leichen liegen in meinem Lager, und nur acht von ihnen sind Sachsen«,
sagte Karl
jetzt mit beinahe ruhiger Stimme.
»Ich
kann es nicht glauben! Wo, zum Henker, waren Eure Wachen?«, schrie er
dann
erneut den Grafen Richard an.
»Er
kann Euch nicht hören, Herr«, antworte Ludwig aus sicherer Entfernung.
Karl
sah seinen ersten Ritter wütend an.
»Schafft
mir den Kerl aus den Augen!«, befahl er schließlich, ohne nochmals
einen Blick
auf den Grafen zu werfen. Zwei Männer, die Ludwig heranwinkte, traten
hinzu und
trugen den bewusstlosen Grafen fort.
»Ich
sehe in Euren Augen, dass da noch mehr ist. Mein Schlag traf den
Grafen, bevor
er seinen Bericht beendet hatte. Na los, offenbart es mir!«, forderte
der
König, dabei sah er Ludwig mit ernster Miene an.
Der
jedoch wollte sich vergewissern: »Ihr werdet doch Euren ersten Ritter
nicht
erschlagen, Herr?«
»Redet
endlich! Noch kann ich mich gerade beherrschen«, erwiderte der König
nun in
ruhigem Tonfall.
»Die
Sachsen haben ein Königsbanner geraubt. Sie nannten ihn TANGAHAR, den
Krieger,
der es raubte. Er soll ihr Heerführer sein.«
Karl
blieb erstaunlich ruhig, das wunderte nicht nur Ludwig, sondern auch
all die
anderen umstehenden Edlen.
»Wie
kann es eigentlich geschehen, dass dieser Sachsenhäuptling mit einer
Handvoll
Krieger ins Lager stürmt, Dutzende Männer erschlägt, mein Banner
stiehlt und
dann auch noch unbehelligt davon reitet?!«
Er
sah in das Gesicht jedes Edlen und erwartete augenblicklich eine
Antwort.
»Das
müsst Ihr eigentlich den Grafen Richard fragen, Herr. Es war sein
Außenlager«,
antwortete Ludwig.
»Ich
will aber Eure Meinung dazu hören!«, begann der König wieder lauter zu
werden.
»Da
ist noch etwas«, versuchte Ludwig schnell loszuwerden.
»UND
WAS???«
»Es
sind fränkische Ritter unter ihnen gewesen.«
»Unter
den SACHSEN?!«
Die
Antwort blieb Ludwig im Moment erspart, weil ein tumultartiger Lärm vor
dem
Zelt die Aufmerksamkeit des Königs erregte. Ein Ritter trat durch den
Vorhang
des Einganges und bat darum, seinen Bericht erstatten zu dürfen. Karl
gab ihm
mit der Hand das Zeichen, damit zu beginnen.
»Unsere
Späher haben Sachsen gesichtet, Herr.«
»Ach
was, wir haben Späher?«, fragte der König in einem Tonfall, der mit
tödlicher
Wut unterlegt war.
Niemand
wagte es, ihn anzusehen.
»Wie
viele Sachsen, wieder ein mutiges Dutzend?«
»Nein,
Herr, es sind mehr!«
Der
Ritter war jung und es war sein erster Heereszug mit dem König. Die
drückende
Stimmung unter den Edlen Karls ergriff auch sofort sein Gemüt.
»Wie
viel mehr – dreihundert vielleicht?!«
»Nein,
es sind wohl nahezu Zweitausend! Sie stehen am anderen Ufer der Aller.
Ihr
Heerführer ist ebenfalls dort.«
»Hat
dieser Mann auch einen Namen?«
»TANGAHAR!«
Karl
konnte seine Verblüffung nur schwer verbergen.
»Wie
kann dieser Krieger in der Nacht mein Banner stehlen und am anderen
Morgen
bereits am gegenüber liegenden Ufer der Aller stehen? Wie, zum Henker,
kam er
über den Fluss, dessen Furt wir schon seit Tagen suchen?«
Sie
merkten sofort, dass in der Stimme des Königs jetzt die Neugier die
Oberhand
gewann und die Anspannung der Situation zuvor ihre Kraft verlor.
»Ihr
wollt diesen Mann doch wohl nicht aufsuchen, Herr?«, fragte Ludwig.
»Warum
nicht? Eine Gefahr kann er für Euch schließlich nicht sein, da der
Fluss Euch
vor ihm schützt«, sagte Karl. Er schritt zügig aus dem Zelt und ließ
sie in
ihrer Verwirrtheit zurück.
Die
Ritter sahen einander wortlos an, aber ihre Mimik sprach Bände. Ludwig
hatte
gelinde gesagt, die Schnauze voll davon, für das Versagen des
bretonischen
Grafen einzustehen, den er noch nicht einmal leiden konnte.
Doch
dann ertönte die durchdringende Stimme des Königs und riss sie
augenblicklich aus
ihren Gedanken. Sie stürmten eiligst aus dem Zelt, um den königlichen
Befehl zu
empfangen.
Zweihundert
Bogenschützen und ebenso viele Panzerreiter sollten Karl zum Fluss
begleiten.
Der König wusste, dass die Sachsen noch keinen Kampf wollten, sondern
lediglich
ein drohendes Stelldichein der Gegnerschaft provozierten.
Karl
hatte diese Art Drohgebärden längst nicht mehr nötig, man fürchtete ihn
bereits
jenseits des Rheins. Er wäre sonst auch niemals darauf eingegangen,
dass ein
Sachsenhäuptling ihn so zur Schau stellte. Diesmal war jedoch seine
Neugier so
unglaublich groß, war die Tat so verwegen, dass er diesen Krieger
unbedingt
sehen wollte. Und noch etwas führte er im Sinn: Er wollte seinen Edlen
das
eigene Versagen vor Augen führen. Fein ausgeputzt, mit edelster Rüstung
und ihrem Familienbanner, mussten sie ihm alle folgen.
Über
dem Fluss lag ein hauchdünner Nebel, wie von Geisterhand geschaffen.
Regungslos
standen sie da, einfach nur wartend. Unheimlich! So weit das Auge
reichte,
standen da Sachsenkrieger am gegenüberliegenden Flussufer. Eine
gespenstische
Ruhe erfüllte die Situation und ließ so manchem fränkischen Edlen eine
Gänsehaut unter dem Kettenhemd wachsen.
Karl
ritt bis dicht an das Ufer und ließ seinen Blick schweifen. Keiner von
denen richtete
einen Pfeil auf ihn. Sie schienen es einfach nur zu genießen, ihn
anzustarren.
Doch
diese Sachsen waren anders, als die Krieger Widukinds! Sie wirkten
entschlossen
und kampstark.
Das
gestohlene Banner wehte im frischen Morgenwind. Die Lanze steckte im
Boden und
daneben stand der Krieger, der ihr Anführer sein musste. Das prächtige
Pferd
des Mannes war mit einer grüngoldenen Decke gekleidet, die im
Brustbereich mit
leichten Panzerungen versehen war. Der Krieger selbst hielt einen
kostbaren
Schild in seiner Linken, von dem Karl nicht alles sehen konnte, weil
das lange,
blonde Haar den halben Schild überdeckte. Die rechte Faust umklammerte
ein
großes Schlachtschwert, dessen Klinge auf der Schulter des Kriegers
ruhte.
Karl studierte die Erscheinung dieses Mannes, der ihn irgendwie an die
legendären Merowingerkönige erinnerte. Dieses Haar und dieser verwegene
Zauber,
der den Krieger umgab - genau das ging von den blutsheiligen Königen
der
Franken aus, deren letzten Vertreter sein Vater Pippin abgesetzt und
sich an seiner
statt zum König der Franken erhob. Sein Großvater konnte nur mit der
Huldigung
eines Merowingers das riesige Frankenreich regieren, und als sein Vater
den
Bruch mit der Geblütsheiligkeit schließlich wagte, war es ein schmaler
Grat,
auf dem er sich fortan bewegte. Und nun war dieser Grat für ihn selbst
noch
nicht breiter geworden. Krieger wie Tangahar waren eine große Gefahr
für die
Ausdehnung seiner Macht, das ging ihm augenblicklich durch den Kopf...
Karl
wurde plötzlich aus seinen Gedanken gerissen, als die Krieger der
Sachsen ihre
Pferde wendeten und das gegenüberliegende Ufer verließen. Erst da sah
er, wie
tief die Staffelung des feindlichen Heeres war. Er hielt sie in der Tat
für
gefährlich.
Aber
sein Banner blieb allein zurück, sie wollten es nicht. Es war nur ein
Spiel,
das sie hier mit ihm trieben, ein
tödliches Spiel, und er war fassungslos!