Buchcover
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Buchcover von Walter Kelch (mgverlag)
Cover vom Verleger Walter Kelch - mgverlag -
Als der Nordalbinger Chrisgar mit den Söhnen seiner gefallenen Waffenbrüder im Jahre 813 loszog, um den von den Franken verschleppten Sachsenfürsten zu befreien, konnte er nicht wissen, dass sie dabei ans Ende der bekannten Welt vordringen würden. Und dass sie mitten in die große Invasion geraten, in dessen Wirren er die Liebe seines Lebens finden sollte.
Aber reicht das Wissen des Mauren Kasim, den er aus der Sklaverei kaufte, um davon zu provitieren? Und was würde geschehen, wenn er sich die Dänen zu Feinden machte, deren  Seemannschaft er brauchte? Konnte er König Godfred trauen, der den Sachsen Asyl bot?
- L E S E P R O B E -

        Der Ochse legte sich mächtig ins Zeug, denn der Weg führte schon seit einiger Zeit bergauf. Umgeben vom Duft des Waldes und dem Gesang der Vögel kam Bergit ihrem Ziel immer näher. Ihr Sohn Thomar hatte die Zügel in der Hand. Er war nun schon zwölf und mächtig stolz darauf, den Karren lenken zu dürfen.
Warum nur musste dieser Weg bergauf gehen, dachte sie. Wer weiß, wie lange es Kuni, so nannte sie ihren alten Ochsen, noch aushalten würde? Eigentlich war er nur noch zum Pflügen zu gebrauchen, aber diese Fahrt musste sein. Es fiel ihr nicht leicht, alles das abzugeben, aber sie hatte keine Wahl, denn so war es nur noch schlimmer. Insgeheim schimpfte sie mit sich, weil sie so lange gewartet hatte.
Bergit war jetzt achtundzwanzig, aber immer noch eine schöne Frau. Um nicht zu viel ihrer Schönheit preiszugeben, trug sie ein derbes Leinenkleid und hatte sich zusätzlich ein Kopftuch über ihr wallendes, dunkles Haar gebunden.
»Mutter sieh nur, da sind Soldaten«, rief der Junge plötzlich.
Bergit sah sich erschrocken nach allen Seiten um, aber konnte niemanden entdecken.
»Wo siehst du Soldaten?«
»Dort ... unten am Fluss.« Thomar zeigte mit dem Finger.
Jetzt sah seine Mutter sie auch.
»Die sind aber weit weg ... und die konntest du sehen?«
»Ja ... aber warum reiten sie nicht auf unserem Weg?«
»Da bin ich ganz froh drüber. Wahrscheinlich haben sie etwas Besonderes in den beiden verschlagenen Wagen.«
»Vielleicht auch etwas, dass sie den Bauern gestohlen haben?«
»Wie kommst du darauf?«
»Vater sagte immer, die Franken stehlen uns die Ernte. Darum solltest du ihnen auch diese Sachen nicht bringen. Vater wollte sie für den Winter zurücklegen.«
»Dann wird er jetzt wieder auf die Jagd gehen müssen. Du bist groß und kannst ihn dabei begleiten.«
»Darf ich wirklich?«
Thomars Augen glänzten, schon lange wünschte er sich das.
»Dann bekomme ich Vaters großes Messer«, sagte er stolz. »Er hat versprochen es mir zu schenken, wenn ich ihn das erste Mal begleiten darf.«
Bergit lächelte und strich ihrem Sohn über das blonde Haar. Dasselbe Haar wie Gerfried, dachte sie, bald habe ich ihn  wieder.
»Die Franken stehlen nicht unsere Ernte«, sagte sie dann zu Thomar. »Sie sind jetzt die Herren über unser Land und für den Schutz durch ihren Heiland müssen wir Opfer bringen.«
»Aber warum so viel?«
Bergit wusste darauf auch keine Antwort, aber sie war des Klagens müde.
»Das musst du deinen Vater fragen, wenn er wieder bei uns ist«, sagte sie nur.
Dann griff sie hinter sich und hob ein buntes Knäuel auf ihren Schoß. Als sie die Spitzen des Tuches löste, kamen eine harte Wurst und ein Laib Brot zum Vorschein. Mit dem Messer schnitt sie von beiden ein großes Stück ab und reichte es Thomar. Während der Junge auf der Wurst kaute, sah sie sich um. Da war noch ein Wagen hinter ihnen und der war schneller. Sie müssten bald Platz machen, damit dieser vorbei könnte.
Bergit lockerte den Knoten ihres Kopftuches und richtete ihr Gesicht gegen die ersten warmen Sonnenstrahlen des Tages. Es war nun Hochsommer, aber morgens noch nicht so heiß. Da war die Sonne noch ein Genuss.
»Dort drüben fährst du etwas aufs Feld«, sagte sie jetzt und zeigte ihrem Sohn die Stelle. »Wir lassen den anderen Wagen vorbei.«
Mit gemäßigten Knarren zottelte das Pferdefuhrwerk an ihnen vorüber. Es saß ein dicker, rotbäckiger Köhler auf dem Bock und grüßte im Vorbeifahren. Er hatte den Wagen halb voll Holzkohle geladen. Aber da waren auch zwei große Kiepen mit Äpfeln. Rotgrüne Winteräpfel, dachte Bergit, immer noch schmackhaft diese Sorte. Dann musste sie das Tuch nehmen und hielt es sich vor den Mund. Es staubte.
Als sie sich erneut umsah, entdeckte sie einen weiteren Wagen, aber der war noch weit weg.
»Treib mal unseren Kuni etwas an«, sagte sie. »Wir müssen ja nicht jeden vorbeilassen.«


            »Auf der Elbe wurden Dänen gesichtet«, sagte Bertram, der Abt des Klosters.
»Woher willst du das wissen?«
»Das haben Pilger aus dem Osten berichtet.«
»Wenn sie auf der Elbe sind, können sie ja kaum auf die Aller gelangen«, sagte Konrad, der Hauptmann der Garnison.
Er trug einen schwarzen Lederwanst und einen dazugehörigen Lederrock, über den sein Schwertgurt geschnallt war. Seine ebenfalls schwarzen Beinkleider steckten in langen Stiefeln. Unter dem Wanst hatte er ein weißes Leinenhemd angezogen, dessen steifer Kragen über das Leder geschlagen war. Seine dunklen Haare waren lediglich schulterlang und gleichmäßig abgeschnitten. Jeder Sachsenkrieger hätte ihn wegen dieses Haarschnittes ausgelacht, aber die großen Kriege waren vorbei. Mehr als dreißig Jahre hatten diese gedauert. Vorbei das alles. Endgültig.
»Aber mehr Soldaten würden mein Gefühl der Sicherheit erhöhen. Gegen aufständische Bauern wird die Garnison aushalten, aber schon ein einziges Schiff der Nordmänner führt mehr Krieger ins Land, als du unter Waffen hast.«
Bertrams Angst war natürlich begründet, dass wusste Konrad  selbst. Aber der Kaiser brauchte die Soldaten gegen die Mauren, er würde keine weitere Verstärkung hierher schicken.
Konrad begann im Besucherzimmer des Abtes hin und her zu gehen.
»Du vergisst die Mauern Bertram. Die Palisaden können wir gegen eine vielfache Übermacht verteidigen.«
»Das glaube ich wohl, aber was ist mit Feuer?«
Konrad blieb stehen und sah den Abt direkt ins Gesicht.
»Dann werden deine Brüder ihren Arsch bewegen müssen, um Wasser zu schleppen.«
Damit war das Gespräch für den Hauptmann beendet. Er verließ den niedrigen Raum und trat in den Hof des Klosters. Die Sonne stand schon ziemlich hoch. Es wird Zeit damit zu beginnen, dachte er.
Als er die Tür zum Burgplatz aufstieß, schien ihm die Sonne direkt in die Augen. Er schirmte sie mit einer Hand ab und sah auf die Reihe der Sachsen. Ein gutes Dutzend Karren stand bereit, um den Kirchenzehnten abzuliefern. Konrad  hasste diesen Teil seiner Aufgabe, aber es gehörte dazu und Pflichtbewusstsein verlangte er von seinen Soldaten, also auch von sich selbst. Er warf noch einen Blick auf das offene Burgtor und auf die Bogenschützen, die den Wehrgang abschritten. Dann begab er sich zu der Stelle, wo bereits der Schreiber am Tisch saß, der von zwei Soldaten flankiert wurde.
Der Mönch Gernius hatte bereits den ersten Namen notiert und erstellte eine Liste der Abgaben. Konrad sah kurz in das Gesicht von Bergit, die sich unter den Wartenden befand. Dann befasste er sich mit der Aufgabe. Er blickte in das Abgabenbuch und ging zum Karren des Mannes. Nachdem er den Knoten des ersten Sackes gelöst hatte, griff er hinein und fasste in das weiße Mehl.
»Du wirst doch keine Steine hineingelegt haben?« sagte er grimmig.
»Beim Heiland, ich schwöre ... nein.«
»Das habe ich alles schon erlebt«, fügte Konrad hinzu.
Dann zählte er die Säcke durch und drückte sein Siegel auf den Abgabenbrief.
»Alles in Ordnung, fahre deinen Karren zur Klosterscheune!«
Er winkte jetzt dem Nächsten zu.
Ein Bauer fuhr seinen Wagen mit Sommerrüben heran und sprang dann vom Kutschbock.
»Dein Name?«
»Kunigar.«
»Wo liegt dein Acker?«
»Einen halben Tag flussaufwärts.«
»So ... einen halben Tag nur?«
Der Bauer sah den Hauptmann an und runzelte die Stirn. Er konnte mit den Worten nichts anfangen.
»Wie groß ist dein Acker?« wollte Konrad wissen.
Der Bauer kramte in der Ledertasche, die er an seinem Wanst trug und zog einen zerknitterten Brief heraus.
»Hier steht alles drauf. Ihr gabt mir den beim letzten Mal.«


        T
homar wurde das Warten langweilig. Er bat seine Mutter etwas umhergehen zu dürfen. Zunächst wollte er an dem Tisch mit dem Schreiber vorbei gehen, aber der Anblick der Soldaten ließ ihn nicht los. Er starrte auf die Lanzen und Schilde und auch auf die kostbaren Schwertknaufe. Als sein Blick dann auf Konrad fiel, machte der ihm das Zeichen zu verschwinden. Thomar gehorchte sofort. Seine Augen hatten schon etwas anderes entdeckt.
Wie gebannt stand er vor dem Gotteshaus und betrachtete das imposante Kirchengebäude. Das Untergeschoss war mit großen Feldsteinen gebaut, aber darüber erstreckte sich ein riesiges Holzhaus. Noch nie hatten seine Augen solch ein riesiges Haus gesehen. Er betrachtete jede Einzelheit. Die Schnitzereien an den Giebeln, die hölzernen Kreuze an den vier Ecken und immer wieder die Eingangstür.
Langsam ging er die Stufen zur halboffenen Tür hinauf. Über der Türschwelle sah er ihn dann. Den Heiland am Kreuz. Thomar bekreuzigte sich, wie es seine Mutter ihm immer wieder gezeigt hatte. Dann blickte er die Gestalt Jesu an.
»Der Herr wird noch vom Kreuze fallen, wenn du ihn so anstarrst«, sagte ein Mönch.
Thomar erschrak, aber als er sah, dass der Mönch lächelte, grinste er zurück.
»Willst du hineinschauen?«
»Darf ich denn?«
»Wenn du ein Christ bist, ist das hier auch deine Kirche. Bist du getauft?«
»Ja«, antwortete der Junge und starrte auf die lange, braune Mönchskutte und auf das metallische Kreuz, das dieser um den Hals trug.
»Na dann los!«
Der Mönch machte eine einladende Geste und Thomar überschritt die Schwelle. Es war die Schwelle zu einer fremden Welt, die aber auch seine sein sollte.


        D
er Hopfenbauer lud mit ernster Miene seinen Wagen leer und stellte Kiepe um Kiepe zum zählen vor das wachsame Auge des Schreibers.
»Eil er sich, es warten noch mehr«, rief ihm Konrad zu. Dann sah er zur Sonne und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Schon Mittagszeit, dachte er. Die Schlange nahm nicht ab. Immer wieder passierte jemand mit einem Karren das Tor, um sich anzustellen. Die Warnungen zeigten Wirkung, dachte Konrad. Wer seinen Zehnten nicht pünktlich ablieferte, sollte als Soldat gedungen werden, um mit dem Kaiser gegen die Mauren zu ziehen.
Als der Wagen gänzlich abgeladen war, zog der Bauer ein Gesicht, als wollte er anfangen zu weinen.
»Das liegt wohl in der Natur von euch Sachsen, dass ihr ständig um eure Abgaben jammert«, sagte der Hauptmann  kühl und winkte bereits den nächsten Wartenden heran. Es war Bergit mit ihrem Ochsenkarren.
»Die Aufsetzung für den Zehnten ist oftmals falsch, sodass er  für viele zur Abgabe des halben Ertrages führt. Das ruiniert unsere Lebenslage«, erwiderte der Bauer.
»Mein Verlies ist gerade leer. Wenn du nicht das Maul hältst, kannst du sofort einziehen«, schrie Konrad ihm hinterher.
Diese Arbeit regte ihn auf. Hier fuhr er schnell aus der Haut, aber das hübsche Gesicht Bergits ließ ihn seine Fassung zurückgewinnen.
»Nun Weib, was bringst du?«
Bergit kramte einen zerknitterten Brief heraus und übergab diesen dem Schreiber.
»Hier steht, was ich noch liefern sollte, um meinen Mann auszulösen, den Ihr so lange ins Verlies geworfen habt«, sagte sie zum Hauptmann.
Konrad musterte sie von oben bis unten. Dann trat er an den Karren heran und betrachtete die Ladefläche. Ein Nicken des Schreibers signalisierte ihm, dass alles in Ordnung sei.
»Nun gut Weib, fahre deinen Karren zum Speicher des Klosters.«
»Und wann kommt Gerfried frei, mein Mann?«
»Ha, da kommst du zu spät Weib.«
»Zu spät?«
»Alle Gefangenen wurden in der Früh abtransportiert. Dein Gerfried wird Soldat und zieht für den Kaiser gegen die Mauren. Wenn er gut ist, dein Gerfried, könnte er nach fünf Jahren zurück sein. Ha, ha ...«
Die Erheiterung Konrads war echt, denn niemals würde dieser Sachse zurückehren. Wie konnte sie das nur glauben?
»Aber ich habe doch die Sachen abgeliefert. Ihr müsst ihn mir wiedergeben«, sagte Bergit mit versteinerter Miene, über die  jetzt Tränen liefen. Sie sackte zusammen und fiel auf die Knie.
»Gebt mir meinen Gerfried zurück. Was soll denn nun aus uns werden?«
Konrad kümmerte sich nicht weiter um sie und winkte den  nächsten Bauern heran. Aber Bergit blieb vor ihm hocken. Ihr ganzer Lebensmut war in diesem einzigen Moment erloschen. Bis hier hin hatten sie es gerade so geschafft, aber ohne Gerfried würde sie die Familie nicht ernähren können. Im Dorf an der Aller warteten noch zwei kleine Jungen und ein Mädchen auf die Rückkehr des Vaters.
»Was soll aus uns werden ...«, stammelte Bergit in immer undeutlicheren Worten. Ihr Verstand schien sich aufzulösen.
»Schafft mir dieses Weib aus den Augen!« rief Konrad und winkte den Soldaten zu.
Sofort packten sie Bergit bei den Schultern und schleiften sie über den Burgplatz, um sie dort in den Staub zu werfen.
Immer noch war sie am Wehklagen, aber auch das Mitleid der anderen Bauern hielt sich in Grenzen.
Es waren zwei Ochsenkarren, beladen mit Robbenfellen, die von den beiden Männern über den Burgplatz geführt wurden.
Der erste Karren erreichte die Stelle, wo Bergit in ihren Tränen versunken am Boden kauerte. Der Mann ging in die Hocke und hob Bergits Kinn an, um in ihr Gesicht zu sehen.
»Die Tochter Hainsuls sollte ihren Schmerz zügeln, denn es wird ihr gleich Linderung widerfahren«, sagte er zu ihr.
Bergit wurde durch das Wort Hainsul aus ihrer Schwere gerissen. Es war bei Todesstrafe verboten dieses Wort zu sprechen, denn es war der Name ihres Heidengottes. Noch während der Mann sich aufrichtete, gelang es ihr, seinen Blick zu erhaschen. Sie hatte es so lange nicht mehr gesehen. Das Funkeln in den Augen eines Sachsenkriegers.
»Auch ihr beide werdet euch anstellen müssen«, rief Konrad, der auf die Neuankömmlinge zuging. Sie waren gänzlich in einen derben Leinenumhang gehüllt  und trugen  die typischen Filzhüte der Robbenjäger, die das lange Haar versteckten.
»Wo kommt ihr her?« fragte der Hauptmann, der jetzt die Position seiner Soldaten erreicht hatte.
»Wir folgten dem Weg, den uns Nordalb aufzeigte.«
»Oder war es Moorfal?«
»Oder Hainsul?«
»Nein, es war Odin.«
Der verbotenen Worte waren genug gesprochen. Konrad sah von einem zum anderen und noch während die langen, derben Leinengewänder von diesen abfielen, zogen die Krieger ihre langen Schwerter von den Schultern und stürzten sich auf die Soldaten. Die standen noch schwer unter Schock, als ihnen die Sachsen die Klingen in die Schulter hieben. Ein weiterer Stoß in den Kehlkopf und sie waren tot.
Mit dem Schwert Chrisgars an der Kehle sah Konrad die Felle davonfliegen und starrte auf die Friesen, die nun gezielt auf die Bogenschützen der Franken schossen.
Mit tierischem Geschrei sprangen Olaf und acht Dänen vom Wagen, um sich mit ihren blitzenden Beilen auf die Soldaten zu stürzten, die nun aus dem Wachgebäude liefen.
Die Bauern suchten unter ihren Wagen und Karren Schutz und sahen mit versteinerten Mienen auf das grausige Schauspiel. Das Klirren von Eisen und das Schreien der Geschlagenen beherrschte jetzt alles. Als die Bogenschützen der Franken von den Palisaden geschossen waren, sprangen auch die Friesen vom Karren und entlasteten die Dänen in dem entsetzlichen Gemetzel. Auch die Soldaten des Burgtores waren darin verwickelt und noch hegten sie die Hoffnung, die zahlenmäßig unterlegenen Angreifer zurückzuschlagen.
Aber noch entsetzlicher als das Klirren und Schreien in der Burg erhob sich das Brüllen da draußen. Hundertfach riefen die Dänen immer wieder den Namen ihres Gottes.
›ODIN‹
Chrisgar musste den Hauptmann mit einem Tritt in die Kniekehle in den Staub zwingen, weil er von einem Soldaten  angegriffen wurde. Aber als Konrad nun sein Schwert ziehen wollte, traf ihn der Stiefel Tangirs ihm Gesicht.
Chrisgar kämpfte ohne Schild, daher konnte er den Angreifer zunächst nur mit dem Tritt gegen die schildführende Hand abwehren. Diesen Augenblick nutzte er, um sein Messer zu ziehen, das er sofort gegen den Kopf des Soldaten warf. Der schützte sich mit dem Schild, aber Chrisgar war schnell. Ein Sprung, ein Stoß, eine durchstochene Lende. Der Franke fiel in den Staub.
Jetzt ritten Thoralf und Geiselson durchs Tor und wurden von Dutzenden Beilen begleitet. Die verbliebenen Soldaten der Garnison ergaben sich und warfen die Waffen weg, aber die Dänen hieben auch sie nieder. Jetzt waren sie im Rausch. Dann überschrie ein einzelner Schrei den Lärm.
Bergit wurde von einem Dänen aus dem Schutz des Karrens  hervorgezerrt. Er hatte sie zu Boden gestoßen und ihr Leinenkleid bis zur Hüfte heruntergerissen. Ihre nackten Brüste lagen ihm feil und er zögerte nicht diese zu packen.
Der Tritt traf ihn an der Schulter, und er stürzte rücklings. Dann sah er auf das breite Schwert, das über Bergits Körper schwebte und sie schützte.
»Was soll das, SACHSE? Bist du verrückt?« schrie er.
Auch Tangir trat jetzt an die Seite Chrisgars und senkte sein Schwert schützend über die Frau.
»Keine Plünderungen, keine Übergriffe«, schrie Chrisgar den Dänen entgegen. »Tod nur der fränkischen Garnison, das hat Thoralf geschworen, bei eurem Gott ODIN.«
Der Häuptling selbst war jetzt zu ihnen herangeritten und stemmte sich in die Steigbügel. Sein Beil war rot vor Blut.
»Keine Plünderungen«, rief er. »Nicht hier! Sperrt die Mönche in ihr Gotteshaus und tretet ihnen meinetwegen in den Arsch,  aber erschlagt sie nicht«, rief er seinen Männern zu, die nur mürrisch seinem Befehl folgten.
»Das hätte schlimm ausgehen können«, sagte er zu Chrisgar, nachdem er vom Pferd gestiegen war.
»Ich verlasse mich immer noch auf dein Wort«, entgegnete der Nordalbinger.
»Das kannst du auch, aber es ist nicht leicht einen Haufen, der von der Plünderung lebt, genau davon abzuhalten.«
Mit einem Grinsen legte Thoralf dem Sachsen die Hand auf die Schulter. Anerkennung für die gute Arbeit zuvor.
»Lasst uns nach dem sehen, weswegen wir hier sind«, sagte er dann.
Bevor Chrisgar folgte, begleitete er Bergit zu den anderen Bauern, wo ihr Thomar sofort in die Arme fiel. Er sagte ihnen, dass sie dort in aller Ruhe abwarten sollten. Ihnen würde nichts geschehen.
Aber plötzlich erschraken sie von neuem. Kasim führte die schwarzen Pferde des Spähtrupps heran.
Sie hatten noch nie einen Mauren gesehen, kannten aber die grausamsten Mordgeschichten, die ihnen die Pilger immer wieder vortrugen.
»Deine Sachsen fürchten einen einzigen Mauren mehr, als meine Dänenkrieger«, sagte Thoralf mit breitem Grinsen.
»Sie fürchten sich vor dem Unbekannten. Geht das nicht allen so?«.
Sie betraten die Kirche.
»Was ist mit deinem Mauren?« fragte Thoralf hinter der Türschwelle. »Kann er die Schrift der Christen lesen?«
»Du meinst die Schrift der Römer?«
»Ja, genau diese.«
»Das kann er.«
»Dann brauchen wir ihn.«
Kurz darauf war Kasim unter ihnen und er starrte ebenso wie sie auf die bunten Malereien an der hohen Holzdecke der Klosterkirche. Die Mönche waren alle vor dem festlichen Altar zusammengedrängt und wurden von Kriegern bewacht. Einige der Brüder knieten nieder und beteten.
Chrisgar war bereits mit Tangahar schon einmal in solch einer Kirche, aber viele der Dänen waren es scheinbar zum ersten Mal. Hier und da schabten sie sogar mit dem Messer an der Wandmalerei, um zu prüfen, ob es sich um Farbe oder um Gold handelte. Die Kerzen, die am Eingang auf einem Tisch lagen, hatten sie bereits alle eingesteckt.
Bertram, der Abt des Klosters, stand vor seinen Brüdern, als wollte er sie vor den Dänen beschützen. Thoralf, Olaf und Chrisgar gingen jetzt auf ihn zu.
»Na los«, sagte Thoralf zu Chrisgar »es sind Sachsen, also sag  du es ihnen!«
»Wir wollen zwei Dinge«, sagte der Nordalbinger und Thoralf wunderte sich, da er bisher glaubte, sie seien nur wegen der einzigen Sache hier.
»Ihr werdet alle mit dem Leben davonkommen und euer Gotteshaus wird verschont bleiben, wenn ihr uns das gebt, was wir wollen.«
»Was wäre sonst?« fragte Bertram furchtlos.
»Sonnst brennen wir alles hier nieder, und euer Leben wird von der Gnade der Dänen abhängen, aber ...«, und dieses sagte er mit besonderer Betonung, »glaube mir, Gnade kennen die nicht.«
Die Mönche in Bertrams Rücken tauschten erschrockene Blicke und bekreuzigten sich immer wieder.
»Was wollt ihr also?«
»Zunächst das Stiftungsbuch.«
»Du kannst Latein lesen?« Bertram sah Chrisgar mit faltiger Stirn an.
»Warte es ab, ich habe meine Mittel.«
Und als nach einem kurzen Augenblick ein Mönch das in rotem Leder eingefasste Buch auf den Altartisch legte, trat Kasim aus der Menge der Krieger hervor.
Groß war das Entsetzen in den Augen der Brüder und Mönche, als sie dem braunhäutigen Mauren, mit seinem eigenartigen Kopfbehang und dem krummen Schwert, gegenüberstanden. Und wieder bekreuzigten sich alle.
»Salam Aleikum«, sagte Kasim.
Sie sahen ihn verstört an und Chrisgar griff sofort nach der Kutte Bertrams, um ihn näher heranzuziehen.
»Aleikum Salam heißt die höfliche Antwort«, sagte er in das Gesicht des Abtes.
»Aleikum Salam«, antworte dieser dann mit einem gequälten Lächeln.
»Was soll dieses Gerede von Aleikum?« mischte sich Thoralf ein.
»Hab Geduld, jedes hat seinen Sinn«, sagte Chrisgar und fasste dem Häuptling auf die Schulter.
»Wonach soll ich suchen?« fragte Kasim, der das Buch bereits aufgeschlagen hatte.
»Nach dem Jahre 804 der Christen.«
Bertram erschrak, versuchte jedoch dieses zu verbergen und sah sich nach seinen Brüdern um, die sich fortwährend bekreuzigten.
»Hier ist ein Stiftungseintrag über das Osterfest des Jahres 804. Der Frankenkönig Karl, der Kaiser des Heiligen Römischen Reiches, übergab am Ostertage dem Kloster zu Verden eine Stiftung.«
»Genau das ist die Sache«, sagte Chrisgar und Thoralfs Augen funkelten.
Bertram begann sich zu ärgern. Das tat er nicht deswegen, weil sie die Sache entdeckten, sondern weil es überhaupt in diesem Buch stand. Er ärgerte sich jetzt, weil es ihm damals nicht gelang, den Kaiser von dem Eintrag abzuhalten, auf den dieser aber so erpicht war. Und das ärgerte ihn nun umso mehr, weil es eigentlich nicht üblich war, derartige Stiftungen zu registrieren.

Mit bleicher Miene verfolgte er die Finger des Mauren, die über die Zeilen fuhren und sich der entscheidenden Stelle näherten. Vielleicht würde er sie überlesen, dachte er für einen winzigen Augenblick, als er sah, dass die Finger des Lesenden  bereits über die Stelle hinweg geglitten waren. Aber dann fuhr ihm ein Schmerz durch den Leib, als entrisse man ihm sein leibliches Kind. Der Finger des Mauren kehrte zurück.
»Da steht es«, sagte Kasim. »Der Kaiser stiftet dem Kloster Verden an der Aller folgende Sache: Einen mit griechischem Gold beschlagenen Kasten, in dessen Innern, auf einem Seidenkissen ruhend, ein Bruchstück aus der dritten Rippe Jesu liegt.«
Thoralf bekam seinen Mund gar nicht wieder zu, während Bertram immer blasser wurde. Aber jetzt schöpfte er wieder Hoffnung.
»Das ist es«, sagte Thoralf schließlich. »Das hatte König Godfred gemeint. Eine wirklich königliche Mitgift für seine Tochter Gertrud.«
Der Häuptling sah Chrisgar kurz an und bestimmte dann die Männer, die ihm in die Stiftungsgruft folgen sollten.
Bertram, den Abt, schob Olaf vor sich her. Ihm folgten  Geiselson und Thoralf, Tangir und Chrisgar.
»Suche die Gruft nach einem großen Nagel ab und nehme diesen an dich«, flüsterte Kasim Chrisgar zu, als der nochmals einen Blick zu ihm warf. Der Sachse runzelte unverständliche die Stirn, aber weil Kasim kein Grinsen zeigte, glaubte er an den Ernst, der in dessen Worten lag.
Hinter dem Altar war in einer schmalen Maueröffnung ein schwarzes Eisengitter angebracht. Während Olaf und Geiselson zwei Fackeln entzündeten, fasste Bertram unter seine Kutte und holte ein grobes Schlüsselbund hervor.
Mit zitternden Händen gelang es ihm schließlich das Schloss von der Kette zu lösen und mit Olafs ausgestrecktem Arm im Rücken begann er die Stufen hinabzusteigen.
Die Krieger hatten ihre Schilde am Altar abgelegt, denn die Enge des Stufenganges war schon am Eingang ersichtlich. Chrisgar und Tangir hatten alle Mühe, ihre langen Schwerter von den gemauerten Wänden fernzuhalten. Wie viele Male sie dann im Kreis in die Tiefe gingen, würden sie hinterher nicht benennen können. Der Weg kam ihnen jedenfalls wie der Abstieg zur Unterwelt vor. Fremde, bösartige Wesen, mit Schlangenzungen und Pferdehufen, lauerten unter der Erde.
Chrisgar dachte plötzlich an die Geschichten zurück, die in seinem Dorf immer im Winter erzählt wurden. Geschichten, die ihn abrupt frösteln ließen. Und so wie er damals immer zum Knauf seines Dolches gefasst hatte, suchte seine rechte Hand nun den Knauf seines Schwertes über der Schulter.
Dann hatten sie die letzte Stufe verlassen und standen plötzlich auf einem breiten Gang. Im Schatten der Fackeln sahen sie einige Ratten davonlaufen und in kleinen Öffnungen verschwinden. Sie blickten in beide Richtungen, aber der Gang hörte hier und da abrupt auf.
»Ich schneide dir sofort die Kehle durch, wenn du uns zum Narren hältst«, fauchte Chrisgar den Abt wütend an.
Olaf gab Bertram einen Stoß, sodass der hinfiel.
»Nein, wartet«, wimmerte er. »Ihr seid richtig, es ist nur nicht gleich erkennbar.«
Tangir bückte sich und stellte den zitternden Abt wieder auf die Füße.
»Wo?« schrie er ihn an.
Bertram zeigte zu einer Wandnische und wurde sofort dorthin gestoßen. Tatsächlich war dort eine Tür, die den gleichen Farbton hatte, wie die schimmelgrünen Mauern ringsum.
Bertram versuchte vergeblich den Schlüssel in das Schloss zu stecken. Er zitterte jetzt so sehr, dass Olaf ihm den Schlüssel aus der Hand nahm und die knarrende Tür öffnete.
Zuerst glaubten sie an einen Spuk, aber dann stieß Chrisgar  den Abt die Stufen empor. Wieder liefen sie im Kreis, diesmal hinauf.
Weil die Luft ganz  langsam trockener wurde, glaubten sie, bereits wieder über der Erde zu sein. Dann standen sie wieder vor einer Tür. Diese war aber nicht verschlossen.
Der fensterlose Raum war trocken aber gut belüftet. Kleine  schlitzartige Öffnungen waren unterhalb der Decke ringsum verteilt. Neben einem Stuhl und einem Tisch hing nur noch der gemarterte Heiland der Christen an der Wand.
Über dem Tisch lag eine rotsamtige Decke und darauf waren all die Kostbarkeiten aufgebahrt.
Der goldene Kasten fiel allen sofort ins Auge, aber sie konnten sich beherrschen, dann es war Thoralfs Beute. Der Däne nahm beinahe behutsam den Kasten an sich und öffnete den Deckel.
»Genau wie dein Maure es gelesen hat«, sagte er und zeigte Chrisgar das Innere.
Sie starrten auf den Knochen, der ein Teil der Rippe Jesu sein sollte. Dann nahm Thoralf sein Messer und kratzte auf der Innenseite des Deckels herum. Das Gold war echt. Mit einem zufriedenen Grinsen steckte er den Kasten in den Leinensack, den er mitgeführt hatte.
»So Olaf«, sagte er dann. »Der Rest ist für uns.«
Gerade wollte sich sein Bruder über die kunstvoll verzierten Gefäße und Silbermünzen hermachen, als Chrisgar ihm in den Arm fiel.
»Wenn du mir erlaubst, würde ich gern eine Sache zur Erinnerung an mich nehmen«, sagte er zu Thoralf.
»Erinnerung an was?«
»Erinnerung an den ersten gemeinsamen Raubzug mit dir.«
Thoralf sah Chrisgar eine Weile an, als überlegte er, wie er die Sache zu verstehen hätte. Aber weil ihm sein Verstand keine Einwände ins Bewusstsein brachte, willigte er ein.
»Aber nimm dir nicht das Wertvollste«, sagte er nur.
Chrisgars Augen wanderten über den Tisch und hatten schnell erblickt, was ihm Kasim benannt hatte. Der Nagel war wirklich ungewöhnlich groß und lag auf einem seidenen Kissen. Als er ihn ergriff, sank, von ihnen allen unbemerkt,  Bertram auf die Knie und wimmerte wehklagend.
»Das ist deine Wahl?« fragte Thoralf und schüttelte sein blondes Haupt, sodass die langen Zöpfe zappelten.
»Das ist meine Wahl«, antworte Chrisgar.
Sofort griffen Olaf und Geiselson nach allen anderen Dingen und stopften sie in einen zweiten Leinensack. Am Ende blieben nur einige leere Behältnisse und allerlei Schuldscheine zurück.
Tangir sah Chrisgar fortwährend mit einer Grimasse an, die nach Erklärungen suchte, aber die bekam er im Augenblick nicht.
Als sie schließlich den Raum verließen, blieb Bertram allein zurück. Er machte den Eindruck, als wenn er hier sterben wollte.
Nachdem sie neben dem Altar wieder zum Vorschein kamen, grölten die Dänen, als Thoralf den Leinensack hochhielt. Auch Chrisgar zwinkerte Kasim zu und dieser zeigte sofort sein breites Lächeln.
Irgendwie kam es ihnen jetzt auch so vor, als wenn die Kirche nicht mehr so schmuckvoll war. Alle Kerzenständer und etliche Bilder fehlten. Teilweise waren sogar die Sitzreihen herausgerissen und hinausgetragen. Chrisgar wunderte sich, wie schnell die Nordmänner die Welt verändern konnten. Aber es war nirgends Blut. Die Mönche lebten alle.
Sie verließen die Kirche und sahen auf ein Heerlager. Das Tor war jetzt geschlossen und auf den Palisaden drückten sich Dutzende Dänen herum und palaverten. Andere hatten damit begonnen, das Klosterlager zu begutachten.
Die Friesen hatte Chrisgar zum Schutz der Sachsen draußen gelassen. Jetzt sah er sie und erkannte, dass Antus ihm das Zeichen gab, dass alles in Ordnung sei. Auch der Hauptmann war bei ihnen. Sie hatten ihn an einen Wagen gefesselt und ihm den blutenden Kopf verbunden.
Jetzt konnte er sich um die Sache kümmern, die sein eigentliches Ziel war...

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