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- L E S E P R O B E -
Der Ochse
legte sich mächtig
ins Zeug, denn der Weg führte schon seit einiger Zeit bergauf. Umgeben
vom Duft
des Waldes und dem Gesang der Vögel kam Bergit ihrem Ziel immer näher.
Ihr Sohn
Thomar hatte die Zügel in der Hand. Er war nun schon zwölf und mächtig
stolz
darauf, den Karren lenken zu dürfen.
Warum nur musste dieser Weg bergauf gehen, dachte
sie. Wer weiß, wie lange es Kuni, so nannte sie ihren alten Ochsen,
noch
aushalten würde? Eigentlich war er nur noch zum Pflügen zu gebrauchen,
aber
diese Fahrt musste sein. Es fiel ihr nicht leicht, alles das abzugeben,
aber
sie hatte keine Wahl, denn so war es nur noch schlimmer. Insgeheim
schimpfte
sie mit sich, weil sie so lange gewartet hatte.
Bergit war jetzt achtundzwanzig, aber immer noch
eine schöne Frau. Um nicht zu viel ihrer Schönheit preiszugeben, trug
sie ein
derbes Leinenkleid und hatte sich zusätzlich ein Kopftuch über ihr
wallendes,
dunkles Haar gebunden.
»Mutter sieh nur, da sind Soldaten«, rief der Junge
plötzlich.
Bergit sah sich erschrocken nach allen Seiten um,
aber konnte niemanden entdecken.
»Wo siehst du Soldaten?«
»Dort ... unten am Fluss.« Thomar zeigte mit dem
Finger.
Jetzt sah seine Mutter sie auch.
»Die sind aber weit weg ... und die konntest du
sehen?«
»Ja ... aber warum reiten sie nicht auf unserem
Weg?«
»Da bin ich ganz froh drüber. Wahrscheinlich haben
sie etwas Besonderes in den beiden verschlagenen Wagen.«
»Vielleicht auch etwas, dass sie den Bauern
gestohlen haben?«
»Wie kommst du darauf?«
»Vater sagte immer, die Franken stehlen uns die
Ernte. Darum solltest du ihnen auch diese Sachen nicht bringen. Vater
wollte
sie für den Winter zurücklegen.«
»Dann wird er jetzt wieder auf die Jagd gehen
müssen. Du bist groß und kannst ihn dabei begleiten.«
»Darf ich wirklich?«
Thomars Augen glänzten, schon lange wünschte er sich
das.
»Dann bekomme ich Vaters großes Messer«, sagte er
stolz. »Er hat versprochen es mir zu schenken, wenn ich ihn das erste
Mal
begleiten darf.«
Bergit lächelte und strich ihrem Sohn über das
blonde Haar. Dasselbe Haar wie Gerfried, dachte sie, bald habe ich ihn wieder.
»Die Franken stehlen nicht unsere Ernte«, sagte sie
dann zu Thomar. »Sie sind jetzt die Herren über unser Land und für den
Schutz
durch ihren Heiland müssen wir Opfer bringen.«
»Aber warum so viel?«
Bergit wusste darauf auch keine Antwort, aber sie
war des Klagens müde.
»Das musst du deinen Vater fragen, wenn er wieder
bei uns ist«, sagte sie nur.
Dann griff sie hinter sich und hob ein buntes Knäuel
auf ihren Schoß. Als sie die Spitzen des Tuches löste, kamen eine harte
Wurst
und ein Laib Brot zum Vorschein. Mit dem Messer schnitt sie von beiden
ein
großes Stück ab und reichte es Thomar. Während der Junge auf der Wurst
kaute,
sah sie sich um. Da war noch ein Wagen hinter ihnen und der war
schneller. Sie
müssten bald Platz machen, damit dieser vorbei könnte.
Bergit lockerte den Knoten ihres Kopftuches und
richtete ihr Gesicht gegen die ersten warmen Sonnenstrahlen des Tages.
Es war
nun Hochsommer, aber morgens noch nicht so heiß. Da war die Sonne noch
ein
Genuss.
»Dort drüben fährst du etwas aufs Feld«, sagte sie
jetzt und zeigte ihrem Sohn die Stelle. »Wir lassen den anderen Wagen
vorbei.«
Mit gemäßigten Knarren zottelte das Pferdefuhrwerk
an ihnen vorüber. Es saß ein dicker, rotbäckiger Köhler auf dem Bock
und grüßte
im Vorbeifahren. Er hatte den Wagen halb voll Holzkohle geladen. Aber
da waren
auch zwei große Kiepen mit Äpfeln. Rotgrüne Winteräpfel, dachte Bergit,
immer
noch schmackhaft diese Sorte. Dann musste sie das Tuch nehmen und hielt
es sich
vor den Mund. Es staubte.
Als sie sich erneut umsah, entdeckte sie einen
weiteren Wagen, aber der war noch weit weg.
»Treib mal unseren Kuni etwas an«, sagte sie. »Wir
müssen ja nicht jeden vorbeilassen.«
»Auf der Elbe
wurden Dänen gesichtet«, sagte
Bertram, der Abt des Klosters.
»Woher willst du das wissen?«
»Das haben Pilger aus dem Osten berichtet.«
»Wenn sie auf der Elbe sind, können sie ja kaum auf
die Aller gelangen«, sagte Konrad, der Hauptmann der Garnison.
Er trug einen schwarzen Lederwanst und einen
dazugehörigen Lederrock, über den sein Schwertgurt geschnallt war.
Seine
ebenfalls schwarzen Beinkleider steckten in langen Stiefeln. Unter dem
Wanst
hatte er ein weißes Leinenhemd angezogen, dessen steifer Kragen über
das Leder
geschlagen war. Seine dunklen Haare waren lediglich schulterlang und
gleichmäßig abgeschnitten. Jeder Sachsenkrieger hätte ihn wegen dieses
Haarschnittes ausgelacht, aber die großen Kriege waren vorbei. Mehr als
dreißig
Jahre hatten diese gedauert. Vorbei das alles. Endgültig.
»Aber mehr Soldaten würden mein Gefühl der
Sicherheit erhöhen. Gegen aufständische Bauern wird die Garnison
aushalten,
aber schon ein einziges Schiff der Nordmänner führt mehr Krieger ins
Land, als
du unter Waffen hast.«
Bertrams Angst war natürlich begründet, dass wusste
Konrad selbst. Aber der Kaiser brauchte
die Soldaten gegen die Mauren, er würde keine weitere Verstärkung
hierher
schicken.
Konrad begann im Besucherzimmer des Abtes hin und
her zu gehen.
»Du vergisst die Mauern Bertram. Die Palisaden
können wir gegen eine vielfache Übermacht verteidigen.«
»Das glaube ich wohl, aber was ist mit Feuer?«
Konrad blieb stehen und sah den Abt direkt ins
Gesicht.
»Dann werden deine Brüder ihren Arsch bewegen
müssen, um Wasser zu schleppen.«
Damit war das Gespräch für den Hauptmann beendet. Er
verließ den niedrigen Raum und trat in den Hof des Klosters. Die Sonne
stand
schon ziemlich hoch. Es wird Zeit damit zu beginnen, dachte er.
Als er die Tür zum Burgplatz aufstieß, schien ihm
die Sonne direkt in die Augen. Er schirmte sie mit einer Hand ab und
sah auf
die Reihe der Sachsen. Ein gutes Dutzend Karren stand bereit, um den
Kirchenzehnten abzuliefern. Konrad hasste
diesen Teil seiner Aufgabe, aber es gehörte
dazu und
Pflichtbewusstsein verlangte er von seinen Soldaten, also auch von sich
selbst.
Er warf noch einen Blick auf das offene Burgtor und auf die
Bogenschützen, die
den Wehrgang abschritten. Dann begab er sich zu der Stelle, wo bereits
der
Schreiber am Tisch saß, der von zwei Soldaten flankiert wurde.
Der Mönch Gernius hatte bereits den ersten Namen
notiert und erstellte eine Liste der Abgaben. Konrad sah kurz in das
Gesicht
von Bergit, die sich unter den Wartenden befand. Dann befasste er sich
mit der
Aufgabe. Er blickte in das Abgabenbuch und ging zum Karren des Mannes.
Nachdem
er den Knoten des ersten Sackes gelöst hatte, griff er hinein und
fasste in das
weiße Mehl.
»Du wirst doch keine Steine hineingelegt haben?«
sagte er grimmig.
»Beim Heiland, ich schwöre ... nein.«
»Das habe ich alles schon erlebt«, fügte Konrad
hinzu.
Dann zählte er die Säcke durch und drückte sein
Siegel auf den Abgabenbrief.
»Alles in Ordnung, fahre deinen Karren zur
Klosterscheune!«
Er winkte jetzt dem Nächsten zu.
Ein Bauer fuhr seinen Wagen mit Sommerrüben heran
und sprang dann vom Kutschbock.
»Dein Name?«
»Kunigar.«
»Wo liegt dein Acker?«
»Einen halben Tag flussaufwärts.«
»So ... einen halben Tag nur?«
Der Bauer sah den Hauptmann an und runzelte die
Stirn. Er konnte mit den Worten nichts anfangen.
»Wie groß ist dein Acker?« wollte Konrad wissen.
Der Bauer kramte in der Ledertasche, die er an
seinem Wanst trug und zog einen zerknitterten Brief heraus.
»Hier steht alles drauf. Ihr gabt mir den beim
letzten Mal.«
Thomar wurde das
Warten
langweilig. Er bat seine
Mutter etwas umhergehen zu dürfen. Zunächst wollte er an dem
Tisch mit dem Schreiber
vorbei gehen, aber der Anblick der Soldaten ließ ihn nicht los. Er
starrte auf
die Lanzen und Schilde und auch auf die kostbaren Schwertknaufe. Als
sein Blick
dann auf Konrad fiel, machte der ihm das Zeichen zu verschwinden.
Thomar
gehorchte sofort. Seine Augen hatten schon etwas anderes entdeckt.
Wie gebannt stand er vor dem Gotteshaus und
betrachtete das imposante Kirchengebäude. Das Untergeschoss
war mit großen Feldsteinen gebaut,
aber darüber erstreckte sich ein riesiges Holzhaus. Noch nie hatten
seine Augen
solch ein riesiges Haus gesehen. Er betrachtete jede Einzelheit. Die
Schnitzereien an den Giebeln, die hölzernen Kreuze an den vier Ecken
und immer
wieder die Eingangstür.
Langsam ging er die Stufen zur halboffenen Tür
hinauf. Über der Türschwelle sah er ihn dann. Den Heiland am Kreuz.
Thomar
bekreuzigte sich, wie es seine Mutter ihm immer wieder gezeigt hatte.
Dann
blickte er die Gestalt Jesu an.
»Der Herr wird noch vom Kreuze fallen, wenn du ihn
so anstarrst«, sagte ein Mönch.
Thomar erschrak, aber als er sah, dass der Mönch
lächelte, grinste er zurück.
»Willst du hineinschauen?«
»Darf ich denn?«
»Wenn du ein Christ bist, ist das hier auch deine
Kirche. Bist du getauft?«
»Ja«, antwortete der Junge und starrte auf die
lange, braune Mönchskutte und auf das metallische Kreuz, das dieser um
den Hals
trug.
»Na dann los!«
Der Mönch machte eine einladende Geste und Thomar
überschritt die Schwelle. Es war die Schwelle zu einer fremden Welt,
die aber
auch seine sein sollte.
Der Hopfenbauer lud
mit
ernster Miene seinen Wagen
leer und stellte Kiepe um Kiepe zum zählen vor das wachsame Auge des
Schreibers.
»Eil er sich, es warten noch mehr«, rief ihm Konrad
zu. Dann sah er zur Sonne und wischte sich den Schweiß von der Stirn.
Schon Mittagszeit, dachte er. Die Schlange nahm
nicht ab. Immer wieder passierte jemand mit einem Karren das Tor, um
sich
anzustellen. Die Warnungen zeigten Wirkung, dachte Konrad. Wer seinen
Zehnten
nicht pünktlich ablieferte, sollte als Soldat gedungen werden, um mit
dem
Kaiser gegen die Mauren zu ziehen.
Als der Wagen gänzlich abgeladen war, zog der Bauer
ein Gesicht, als wollte er anfangen zu weinen.
»Das liegt wohl in der Natur von euch Sachsen, dass
ihr ständig um eure Abgaben jammert«, sagte der Hauptmann
kühl und winkte bereits den nächsten
Wartenden heran. Es war Bergit mit ihrem Ochsenkarren.
»Die Aufsetzung für den Zehnten ist oftmals falsch,
sodass er für viele zur Abgabe des
halben Ertrages führt. Das ruiniert unsere Lebenslage«, erwiderte der
Bauer.
»Mein Verlies ist gerade leer. Wenn du nicht das
Maul hältst, kannst du sofort einziehen«, schrie Konrad ihm hinterher.
Diese Arbeit regte ihn auf. Hier fuhr er schnell aus
der Haut, aber das hübsche Gesicht Bergits ließ ihn seine Fassung
zurückgewinnen.
»Nun Weib, was bringst du?«
Bergit kramte einen zerknitterten Brief heraus und
übergab diesen dem Schreiber.
»Hier steht, was ich noch liefern sollte, um meinen
Mann auszulösen, den Ihr so lange ins Verlies geworfen habt«, sagte sie
zum
Hauptmann.
Konrad musterte sie von oben bis unten. Dann trat er
an den Karren heran und betrachtete die Ladefläche. Ein Nicken des
Schreibers
signalisierte ihm, dass alles in Ordnung sei.
»Nun gut Weib, fahre deinen Karren zum Speicher des
Klosters.«
»Und wann kommt Gerfried frei, mein Mann?«
»Ha, da kommst du zu spät Weib.«
»Zu spät?«
»Alle Gefangenen wurden in der Früh abtransportiert.
Dein Gerfried wird Soldat und zieht für den Kaiser gegen die Mauren.
Wenn er
gut ist, dein Gerfried, könnte er nach fünf Jahren zurück sein. Ha, ha
...«
Die Erheiterung Konrads war echt, denn niemals würde
dieser Sachse zurückehren. Wie konnte sie das nur glauben?
»Aber ich habe doch die Sachen abgeliefert. Ihr
müsst ihn mir wiedergeben«, sagte Bergit mit versteinerter Miene, über
die jetzt Tränen liefen. Sie sackte
zusammen und
fiel auf die Knie.
»Gebt mir meinen Gerfried zurück. Was soll denn nun
aus uns werden?«
Konrad kümmerte sich nicht weiter um sie und winkte
den nächsten Bauern heran. Aber Bergit
blieb vor ihm hocken. Ihr ganzer Lebensmut war in diesem einzigen
Moment
erloschen. Bis hier hin hatten sie es gerade so geschafft, aber ohne
Gerfried
würde sie die Familie nicht ernähren können. Im Dorf an der Aller
warteten noch
zwei kleine Jungen und ein Mädchen auf die Rückkehr des Vaters.
»Was soll aus uns werden ...«, stammelte Bergit in
immer undeutlicheren Worten. Ihr Verstand schien sich aufzulösen.
»Schafft mir dieses Weib aus den Augen!« rief Konrad
und winkte den Soldaten zu.
Sofort packten sie Bergit bei den Schultern und
schleiften sie über den Burgplatz, um sie dort in den Staub zu werfen.
Immer noch war sie am Wehklagen, aber auch das
Mitleid der anderen Bauern hielt sich in Grenzen.
Es waren zwei Ochsenkarren, beladen mit
Robbenfellen, die von den beiden Männern über den Burgplatz geführt
wurden.
Der erste Karren erreichte die Stelle, wo Bergit in
ihren Tränen versunken am Boden kauerte. Der Mann ging in die Hocke und
hob
Bergits Kinn an, um in ihr Gesicht zu sehen.
»Die Tochter Hainsuls sollte ihren Schmerz zügeln,
denn es wird ihr gleich Linderung widerfahren«, sagte er zu ihr.
Bergit wurde durch das Wort Hainsul aus ihrer
Schwere gerissen. Es war bei Todesstrafe verboten dieses Wort zu
sprechen, denn
es war der Name ihres Heidengottes. Noch während der Mann sich
aufrichtete,
gelang es ihr, seinen Blick zu erhaschen. Sie hatte es so lange nicht
mehr
gesehen. Das Funkeln in den Augen eines Sachsenkriegers.
»Auch ihr beide werdet euch anstellen müssen«, rief
Konrad, der auf die Neuankömmlinge zuging. Sie waren gänzlich in einen
derben Leinenumhang
gehüllt und trugen die
typischen Filzhüte der Robbenjäger, die
das lange Haar versteckten.
»Wo kommt ihr her?« fragte der Hauptmann, der jetzt
die Position seiner Soldaten erreicht hatte.
»Wir folgten dem Weg, den uns Nordalb aufzeigte.«
»Oder war es Moorfal?«
»Oder Hainsul?«
»Nein, es war Odin.«
Der verbotenen Worte waren genug gesprochen. Konrad
sah von einem zum anderen und noch während die langen, derben
Leinengewänder
von diesen abfielen, zogen die Krieger ihre langen Schwerter von den
Schultern
und stürzten sich auf die Soldaten. Die standen noch schwer unter
Schock, als
ihnen die Sachsen die Klingen in die Schulter hieben. Ein weiterer Stoß
in den
Kehlkopf und sie waren tot.
Mit dem Schwert Chrisgars an der Kehle sah Konrad
die Felle davonfliegen und starrte auf die Friesen, die nun gezielt auf
die
Bogenschützen der Franken schossen.
Mit tierischem Geschrei sprangen Olaf und acht Dänen
vom Wagen, um sich mit ihren blitzenden Beilen auf die Soldaten zu
stürzten,
die nun aus dem Wachgebäude liefen.
Die Bauern suchten unter ihren Wagen und Karren
Schutz und sahen mit versteinerten Mienen auf das grausige Schauspiel.
Das
Klirren von Eisen und das Schreien der Geschlagenen beherrschte jetzt
alles.
Als die Bogenschützen der Franken von den Palisaden geschossen waren,
sprangen
auch die Friesen vom Karren und entlasteten die Dänen in dem
entsetzlichen
Gemetzel. Auch die Soldaten des Burgtores waren darin verwickelt und
noch
hegten sie die Hoffnung, die zahlenmäßig unterlegenen Angreifer
zurückzuschlagen.
Aber noch entsetzlicher als das Klirren und Schreien
in der Burg erhob sich das Brüllen da draußen. Hundertfach riefen die
Dänen
immer wieder den Namen ihres Gottes.
›ODIN‹
Chrisgar musste den Hauptmann mit einem Tritt in die
Kniekehle in den Staub zwingen, weil er von einem Soldaten
angegriffen wurde. Aber als Konrad nun sein
Schwert ziehen wollte, traf ihn der Stiefel Tangirs ihm Gesicht.
Chrisgar kämpfte ohne Schild, daher konnte er den
Angreifer zunächst nur mit dem Tritt gegen die schildführende Hand
abwehren.
Diesen Augenblick nutzte er, um sein Messer zu ziehen, das er sofort
gegen den
Kopf des Soldaten warf. Der schützte sich mit dem Schild, aber Chrisgar
war
schnell. Ein Sprung, ein Stoß, eine durchstochene Lende. Der Franke
fiel in den
Staub.
Jetzt ritten Thoralf und Geiselson durchs Tor und
wurden von Dutzenden Beilen begleitet. Die verbliebenen Soldaten der
Garnison
ergaben sich und warfen die Waffen weg, aber die Dänen hieben auch sie
nieder.
Jetzt waren sie im Rausch. Dann überschrie ein einzelner Schrei den
Lärm.
Bergit wurde von einem Dänen aus dem Schutz des
Karrens hervorgezerrt. Er hatte sie zu
Boden gestoßen und ihr Leinenkleid bis zur Hüfte heruntergerissen. Ihre
nackten
Brüste lagen ihm feil und er zögerte nicht diese zu packen.
Der Tritt traf ihn an der Schulter, und er stürzte
rücklings. Dann sah er auf das breite Schwert, das über Bergits Körper
schwebte
und sie schützte.
»Was soll das, SACHSE? Bist du verrückt?« schrie er.
Auch Tangir trat jetzt an die Seite Chrisgars und
senkte sein Schwert schützend über die Frau.
»Keine Plünderungen, keine Übergriffe«, schrie
Chrisgar den Dänen entgegen. »Tod nur der fränkischen Garnison, das hat
Thoralf
geschworen, bei eurem Gott ODIN.«
Der Häuptling selbst war jetzt zu ihnen
herangeritten und stemmte sich in die Steigbügel. Sein Beil war rot vor
Blut.
»Keine Plünderungen«, rief er. »Nicht hier! Sperrt
die Mönche in ihr Gotteshaus und tretet ihnen meinetwegen in den Arsch, aber erschlagt sie nicht«, rief er seinen
Männern zu, die nur mürrisch seinem Befehl folgten.
»Das hätte schlimm ausgehen können«, sagte er zu
Chrisgar, nachdem er vom Pferd gestiegen war.
»Ich verlasse mich immer noch auf dein Wort«,
entgegnete der Nordalbinger.
»Das kannst du auch, aber es ist nicht leicht einen
Haufen, der von der Plünderung lebt, genau davon abzuhalten.«
Mit einem Grinsen legte Thoralf dem Sachsen die Hand
auf die Schulter. Anerkennung für die gute Arbeit zuvor.
»Lasst uns nach dem sehen, weswegen wir hier sind«,
sagte er dann.
Bevor Chrisgar folgte, begleitete er Bergit zu den
anderen Bauern, wo ihr Thomar sofort in die Arme fiel. Er sagte ihnen,
dass sie
dort in aller Ruhe abwarten sollten. Ihnen würde nichts geschehen.
Aber plötzlich erschraken sie von neuem. Kasim
führte die schwarzen Pferde des Spähtrupps heran.
Sie hatten noch nie einen Mauren gesehen, kannten
aber die grausamsten Mordgeschichten, die ihnen die Pilger immer wieder
vortrugen.
»Deine Sachsen fürchten einen einzigen Mauren mehr,
als meine Dänenkrieger«, sagte Thoralf mit breitem Grinsen.
»Sie fürchten sich vor dem Unbekannten. Geht das
nicht allen so?«.
Sie betraten die Kirche.
»Was ist mit deinem Mauren?« fragte Thoralf hinter
der Türschwelle. »Kann er die Schrift der Christen lesen?«
»Du meinst die Schrift der Römer?«
»Ja, genau diese.«
»Das kann er.«
»Dann brauchen wir ihn.«
Kurz darauf war Kasim unter ihnen und er starrte
ebenso wie sie auf die bunten Malereien an der hohen Holzdecke der
Klosterkirche. Die Mönche waren alle vor dem festlichen Altar
zusammengedrängt
und wurden von Kriegern bewacht. Einige der Brüder knieten nieder und
beteten.
Chrisgar war bereits mit Tangahar schon einmal in
solch einer Kirche, aber viele der Dänen waren es scheinbar zum ersten
Mal.
Hier und da schabten sie sogar mit dem Messer an der Wandmalerei, um zu
prüfen,
ob es sich um Farbe oder um Gold handelte. Die Kerzen, die am Eingang
auf einem
Tisch lagen, hatten sie bereits alle eingesteckt.
Bertram, der Abt des Klosters, stand vor seinen
Brüdern, als wollte er sie vor den Dänen beschützen. Thoralf, Olaf und
Chrisgar
gingen jetzt auf ihn zu.
»Na los«, sagte Thoralf zu Chrisgar »es sind
Sachsen, also sag du es ihnen!«
»Wir wollen zwei Dinge«, sagte der Nordalbinger und
Thoralf wunderte sich, da er bisher glaubte, sie seien nur wegen der
einzigen
Sache hier.
»Ihr werdet alle mit dem Leben davonkommen und euer
Gotteshaus wird verschont bleiben, wenn ihr uns das gebt, was wir
wollen.«
»Was wäre sonst?« fragte Bertram furchtlos.
»Sonnst brennen wir alles hier nieder, und euer
Leben wird von der Gnade der Dänen abhängen, aber ...«, und dieses
sagte er mit
besonderer Betonung, »glaube mir, Gnade kennen die nicht.«
Die Mönche in Bertrams Rücken tauschten erschrockene
Blicke und bekreuzigten sich immer wieder.
»Was wollt ihr also?«
»Zunächst das Stiftungsbuch.«
»Du kannst Latein lesen?« Bertram sah Chrisgar mit
faltiger Stirn an.
»Warte es ab, ich habe meine Mittel.«
Und als nach einem kurzen Augenblick ein Mönch das
in rotem Leder eingefasste Buch auf den Altartisch legte, trat Kasim
aus der
Menge der Krieger hervor.
Groß war das Entsetzen in den Augen der Brüder und Mönche, als
sie dem braunhäutigen Mauren, mit seinem eigenartigen Kopfbehang und
dem
krummen Schwert, gegenüberstanden. Und wieder bekreuzigten sich alle.
»Salam Aleikum«, sagte Kasim.
Sie sahen ihn verstört an und Chrisgar griff sofort
nach der Kutte Bertrams, um ihn näher heranzuziehen.
»Aleikum Salam heißt die höfliche Antwort«, sagte er
in das Gesicht des Abtes.
»Aleikum Salam«, antworte dieser dann mit einem
gequälten Lächeln.
»Was soll dieses Gerede von Aleikum?« mischte sich
Thoralf ein.
»Hab Geduld, jedes hat seinen Sinn«, sagte Chrisgar
und fasste dem Häuptling auf die Schulter.
»Wonach soll ich suchen?« fragte Kasim, der das Buch
bereits aufgeschlagen hatte.
»Nach dem Jahre 804 der Christen.«
Bertram erschrak, versuchte jedoch dieses zu
verbergen und sah sich nach seinen Brüdern um, die sich fortwährend
bekreuzigten.
»Hier ist ein Stiftungseintrag über das Osterfest
des Jahres 804. Der Frankenkönig Karl, der Kaiser des Heiligen
Römischen Reiches,
übergab am Ostertage dem Kloster zu Verden eine Stiftung.«
»Genau das ist die Sache«, sagte Chrisgar und
Thoralfs Augen funkelten.
Bertram begann sich zu ärgern. Das tat er nicht
deswegen, weil sie die Sache entdeckten, sondern weil es überhaupt in
diesem
Buch stand. Er ärgerte sich jetzt, weil es ihm damals nicht gelang, den
Kaiser
von dem Eintrag abzuhalten, auf den dieser aber so erpicht war. Und das
ärgerte
ihn nun umso mehr, weil es eigentlich nicht üblich war, derartige
Stiftungen zu
registrieren.
Mit bleicher Miene verfolgte er die Finger des Mauren,
die über die Zeilen fuhren und sich der entscheidenden Stelle näherten.
Vielleicht würde er sie überlesen, dachte er für einen winzigen
Augenblick, als
er sah, dass die Finger des Lesenden bereits
über die Stelle hinweg geglitten waren. Aber
dann fuhr ihm ein
Schmerz durch den Leib, als entrisse man ihm sein leibliches Kind. Der
Finger
des Mauren kehrte zurück.
»Da steht es«, sagte Kasim.
»Der Kaiser stiftet dem
Kloster Verden an der Aller folgende Sache: Einen mit griechischem Gold
beschlagenen Kasten, in dessen Innern, auf einem Seidenkissen ruhend,
ein
Bruchstück aus der dritten Rippe Jesu liegt.«
Thoralf bekam seinen Mund gar nicht wieder zu,
während Bertram immer blasser wurde. Aber jetzt schöpfte er wieder
Hoffnung.
»Das ist es«, sagte Thoralf schließlich. »Das hatte
König Godfred gemeint. Eine wirklich königliche Mitgift für seine
Tochter
Gertrud.«
Der Häuptling sah Chrisgar kurz an und bestimmte
dann die Männer, die ihm in die Stiftungsgruft folgen sollten.
Bertram, den Abt, schob Olaf vor sich her. Ihm
folgten Geiselson und Thoralf, Tangir
und Chrisgar.
»Suche die Gruft nach einem großen Nagel ab und
nehme diesen an dich«, flüsterte Kasim Chrisgar zu, als der nochmals
einen
Blick zu ihm warf. Der Sachse runzelte unverständliche die Stirn, aber
weil
Kasim kein Grinsen zeigte, glaubte er an den Ernst, der in dessen
Worten lag.
Hinter dem Altar war in einer schmalen Maueröffnung
ein schwarzes Eisengitter angebracht. Während Olaf und Geiselson zwei
Fackeln
entzündeten, fasste Bertram unter seine Kutte und holte ein grobes
Schlüsselbund hervor.
Mit zitternden Händen gelang es ihm schließlich das
Schloss von der Kette zu lösen und mit Olafs ausgestrecktem Arm im
Rücken
begann er die Stufen hinabzusteigen.
Die Krieger hatten ihre Schilde am Altar abgelegt,
denn die Enge des Stufenganges war schon am Eingang ersichtlich.
Chrisgar und
Tangir hatten alle Mühe, ihre langen Schwerter von den gemauerten
Wänden
fernzuhalten. Wie viele Male sie dann im Kreis in die Tiefe gingen,
würden sie
hinterher nicht benennen können. Der Weg kam ihnen jedenfalls wie der
Abstieg
zur Unterwelt vor. Fremde, bösartige Wesen, mit Schlangenzungen und
Pferdehufen, lauerten unter der Erde.
Chrisgar dachte plötzlich an die Geschichten zurück,
die in seinem Dorf immer im Winter erzählt wurden. Geschichten, die ihn
abrupt
frösteln ließen. Und so wie er damals immer zum Knauf seines Dolches
gefasst
hatte, suchte seine rechte Hand nun den Knauf seines Schwertes über der
Schulter.
Dann hatten sie die letzte Stufe verlassen und
standen plötzlich auf einem breiten Gang. Im Schatten der Fackeln sahen
sie
einige Ratten davonlaufen und in kleinen Öffnungen verschwinden. Sie
blickten
in beide Richtungen, aber der Gang hörte hier und da abrupt auf.
»Ich schneide dir sofort die Kehle durch, wenn du
uns zum Narren hältst«, fauchte Chrisgar den Abt wütend an.
Olaf gab Bertram einen Stoß, sodass der hinfiel.
»Nein, wartet«, wimmerte er. »Ihr seid richtig, es
ist nur nicht gleich erkennbar.«
Tangir bückte sich und stellte den zitternden Abt
wieder auf die Füße.
»Wo?« schrie er ihn an.
Bertram zeigte zu einer Wandnische und wurde sofort
dorthin gestoßen. Tatsächlich war dort eine Tür, die den gleichen
Farbton
hatte, wie die schimmelgrünen Mauern ringsum.
Bertram versuchte vergeblich den Schlüssel in das
Schloss zu stecken. Er zitterte jetzt so sehr, dass Olaf ihm den
Schlüssel aus
der Hand nahm und die knarrende Tür öffnete.
Zuerst glaubten sie an einen Spuk, aber dann stieß
Chrisgar den Abt die Stufen empor.
Wieder liefen sie im Kreis, diesmal hinauf.
Weil die Luft ganz langsam trockener
wurde, glaubten sie, bereits
wieder über der Erde zu
sein. Dann standen sie wieder vor einer Tür. Diese war aber nicht
verschlossen.
Der fensterlose Raum war trocken aber gut belüftet.
Kleine schlitzartige Öffnungen waren
unterhalb der Decke ringsum verteilt. Neben einem Stuhl und einem Tisch
hing
nur noch der gemarterte Heiland der Christen an der Wand.
Über dem Tisch lag eine rotsamtige Decke und darauf
waren all die Kostbarkeiten aufgebahrt.
Der goldene Kasten fiel allen sofort ins Auge, aber
sie konnten sich beherrschen, dann es war Thoralfs Beute. Der Däne nahm
beinahe
behutsam den Kasten an sich und öffnete den Deckel.
»Genau wie dein Maure es gelesen hat«, sagte er und
zeigte Chrisgar das Innere.
Sie starrten auf den Knochen, der ein Teil der Rippe
Jesu sein sollte. Dann nahm Thoralf sein Messer und kratzte auf der
Innenseite
des Deckels herum. Das Gold war echt. Mit einem zufriedenen Grinsen
steckte er
den Kasten in den Leinensack, den er mitgeführt hatte.
»So Olaf«, sagte er dann. »Der Rest ist für uns.«
Gerade wollte sich sein Bruder über die kunstvoll
verzierten Gefäße und Silbermünzen hermachen, als Chrisgar ihm in den
Arm fiel.
»Wenn du mir erlaubst, würde ich gern eine Sache zur
Erinnerung an mich nehmen«, sagte er zu Thoralf.
»Erinnerung an was?«
»Erinnerung an den ersten gemeinsamen Raubzug mit
dir.«
Thoralf sah Chrisgar eine Weile an, als überlegte
er, wie er die Sache zu verstehen hätte. Aber weil ihm sein Verstand
keine
Einwände ins Bewusstsein brachte, willigte er ein.
»Aber nimm dir nicht das Wertvollste«, sagte er nur.
Chrisgars Augen wanderten über den Tisch und hatten
schnell erblickt, was ihm Kasim benannt hatte. Der Nagel war wirklich
ungewöhnlich groß und lag auf einem seidenen Kissen. Als er ihn
ergriff, sank,
von ihnen allen unbemerkt, Bertram auf
die Knie und wimmerte wehklagend.
»Das ist deine Wahl?« fragte Thoralf und schüttelte
sein blondes Haupt, sodass die langen Zöpfe zappelten.
»Das ist meine Wahl«, antworte Chrisgar.
Sofort griffen Olaf und Geiselson nach allen anderen
Dingen und stopften sie in einen zweiten Leinensack. Am Ende blieben
nur einige
leere Behältnisse und allerlei Schuldscheine zurück.
Tangir sah Chrisgar fortwährend mit einer Grimasse
an, die nach Erklärungen suchte, aber die bekam er im Augenblick nicht.
Als sie schließlich den Raum verließen, blieb
Bertram allein zurück. Er machte den Eindruck, als wenn er hier sterben
wollte.
Nachdem sie neben dem Altar wieder zum Vorschein
kamen, grölten die Dänen, als Thoralf den Leinensack hochhielt. Auch
Chrisgar
zwinkerte Kasim zu und dieser zeigte sofort sein breites Lächeln.
Irgendwie kam es ihnen jetzt auch so vor, als wenn
die Kirche nicht mehr so schmuckvoll war. Alle Kerzenständer und
etliche Bilder
fehlten. Teilweise waren sogar die Sitzreihen herausgerissen und
hinausgetragen. Chrisgar wunderte sich, wie schnell die Nordmänner die
Welt
verändern konnten. Aber es war nirgends Blut. Die Mönche lebten alle.
Sie verließen die Kirche und sahen auf ein
Heerlager. Das Tor war jetzt geschlossen und auf den Palisaden drückten
sich
Dutzende Dänen herum und palaverten. Andere hatten damit begonnen, das
Klosterlager zu begutachten.
Die Friesen hatte Chrisgar zum Schutz der Sachsen
draußen gelassen. Jetzt sah er sie und erkannte, dass Antus ihm das
Zeichen
gab, dass alles in Ordnung sei. Auch der Hauptmann war bei ihnen. Sie
hatten
ihn an einen Wagen gefesselt und ihm den blutenden Kopf verbunden.
Jetzt konnte er sich um die Sache kümmern, die sein
eigentliches Ziel war...
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