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LESEPROBE
1.
Als
er von dem Reisigweg
abrutschte und sein Stiefel in den Sumpf platschte, fuhr ihm der
schwarze Dreck
in die Augen. Seine linke Hand fingerte das lange Haar aus dem Gesicht
und er
begann die Augen zu reiben, aber die feuchten Klumpen lagen wie Pech
auf seinem
Gesicht und verkleisterten den blonden Haarschopf.
Er riss sich die ledernde Haube vom Kopf und
fluchte. Dann wischte er sich übers Gesicht.
Da erblickte er die spitzen Hörner und
augenblicklich sprang er
zur Seite, wohlwissend, dass er bis zum Halse im Sumpf versinken würde.
Ludwig fluchte jetzt noch lauter, aber über einen
Ast gebeugt, den er beim Sprung mitgerissen hatte, hielt er wenigstens
seinen
Oberkörper aus dem Sumpf heraus. Das Röcheln und den Todeskampf des
Rehbocks
vernahm er aus einer für ihn unwürdigen Lage. Das Tier hatten sie hier
am Ufer
des Rheins in die Enge getrieben. Ins Wasser wollte es nicht und in den
Sumpf
auch nicht. Da steckte jetzt Ludwig, aber zum Glück warf ihm der alte
Jäger
schnell ein Seil zu.
»Ihr seid wohl ein vorzüglicher Schwertkämpfer,
junger Herr, aber die Jagd ist Eure Sache nicht!«
Ludwig antwortete nicht, sondern war zunächst froh,
das Seilende zu greifen und sich von den Treibern aus der misslichen
Lage
befreien zu lassen. Als er der Länge nach wieder auf dem Reisigweg zu
liegen
kam, stützten sie ihn hoch. Er musste bemitleidenswert aussehen, denn
sie
starrten ihn an, als hätte er die Pest. Nichts war übrig vom edlen
Glanz seiner
Kleider.
»Ihr seht mich an, wie den Leibhaftigen!«, blaffte
er die Männer an, die sich sofort daran machten, die Kleider des jungen
Grafen
mit den Händen abzuputzen.
»Schert Euch zur Burg!«, kommandierte Ludwig, »und
sorgt für einen wohlgefüllten Waschzuber mit warmem Wasser!«
Sie ließen sich das nicht zweimal sagen und folgten
dem Befehl des Grafen, der sich alsbald den Dreck mit dem breiten
Hirschfänger
von der Lederweste schabte.
Der alte Jäger rollte mit den Augen wegen der
missbräuchlichen Benutzung der kunstvollen Jagdwaffe.
»Sag, Konrad, sehe ich wirklich so abstoßend aus?«,
fragte Ludwig.
Der Jäger sah den Siebzehnjährigen, den er vom
ersten Lebensjahr her kannte, mit ehrlichen Augen an.
»Eurer Vater, Gott habe ihn wohlwollend empfangen,
sah auf dem Totenbett besser aus!«
Ludwig schluckte, aber er empfand die Worte Konrads
nicht beleidigend. Er blickte den Jäger, der wohl fünfzig Jahre alt war
– der
Mann wusste es selbst nicht genau – nun mit freundlicher Miene an.
»Ich hoffe doch, dich holt Gott nicht so schnell zu
sich, dass du mir noch eine Weile zur Seite stehen kannst!«
»Niemand kann wissen, wann der Herrgott die Seele
verlangt. Aber solange ich meine Lanze besser führen kann, will ich dem
Grafen
von Vaduz ein treuer Diener sein.«
Ludwig wurde augenblicklich sentimental. Mein Vater
war der Graf, dachte er, aber jetzt nennen
sie mich ebenso, wo ich doch eigentlich auf der Domschule die freien
Künste erlernen
wollte...
»Herr, die Prüfung kommt oft schneller, als sich die
Zeit den Weg bahnt. Ihr solltet Jesu danken, dass die Pest nicht auch
Euch
befiel«, meinte Konrad, weil er merkte, dass der junge Burgherr in der
Vergangenheit grübelte.
»Aber kann es Gott gefallen, wenn die Familie
elendig vom Fleische fällt?«
»Gott hat bestimmt, dass Ihr lebt, mehr dürft Ihr
nicht sehen!«
»Mein Vater muss eine Erleuchtung erfahren haben,
als er dich für den Dienst auswählte, Konrad!«
»Diese Erleuchtung habe ich gesehen. Es war das
bengalische Feuer des osmanischen Heeres, das den Rittern König
Sigismunds das
Totenbett beleuchtete – nur wenige entkamen damals.«
Ludwig latschte neben dem Jäger her, ordentlich
gehen fiel ihm jedenfalls schwer, weil der schlammige Dreck nun auch
unter
seine Beinkleider gekrochen war. Er fühlte sich entwürdigt, aber vor
Konrad
musste er dieses Gefühl nicht verbergen. Der hatte seinen todkranken
Vater bis
zuletzt gepflegt, ungeachtet der Gefahr der Ansteckung. Eine Treue, die
den Tod
nicht fürchtet. Und Ludwig wusste, dass diese Treue aus dem elenden
Kreuzzug
König Sigismunds gegen die Osmanen herrührte. Das war im Jahre 1396, da
war er
noch nicht einmal geboren. Erst im Frühjahr des darauffolgenden Jahres
erblickte er das Licht der Welt. Aber seit er sich erinnern konnte,
hatte ihm
sein Vater von den Kämpfen gegen die Osmanen erzählt. Und immer war
zwischen all
den Worten des Grauens und des Schlachtens auch Raum für Bewunderung
und
Ehrfurcht.
Aber warum zieht ihr dann gegen den Sultan in den
Krieg? Diese Frage hatte Ludwig seinem Vater oft gestellt. Und die
Antwort war
auch immer die gleiche: Gott wollte es! Ob ihm Konrad eines Tages eine
andere
Antwort geben würde? Alles das ging ihm augenblicklich durch den Kopf.
Aber er
fragte nicht.
Und als ihn der Jäger erwartungsvoll ansah, weil er
im Verharren des jungen Grafen auch eine Gefühlsregung erkannte, sagte
Ludewig
nur: »Gebe Gott, dass auch ich dir lange erhalten bleibe.«
Konrad konnte damit nun gar nichts anfangen, denn er
war der Diener und entsprechend zog er die Brauen hoch. Sagte aber
nichts
darauf.
»Lass nur«, bestimmte Ludwig, »es wäre wirklich
dumm, wenn sich zwei Männer das Kleid verderben«, fordert Ludwig, weil
sich
Konrad den erlegten Bock auf die Schulter laden wollte. »Immer noch
besser so
heimzukehren als gänzlich ohne Beute«, fügte er hinzu.
Beide Männer schritten so auf dem Reisigweg wieder
Richtung Osten. Auch der Bock hatte diesen zur Flucht gewählt. Dabei
lief das
Tier jedoch an das unüberwindbare Sumpfgebiet des Rheinufers, wo die
Männer des
Dorfes sonst den Torf stachen.
Die Sonne stand nun im Westen und zeigte ihnen an,
dass es wohl die beste Zeit wäre, zur Burg zurückzukehren.
Vier Bewaffnete standen noch bei den Pferden und
erwarteten die beiden. Einer von ihnen nahm dem Grafen das Wild ab und
ein
anderen legte eine Decke um die Schulter des jungen Fürsten.
Ludwig fuhr beinahe zärtlich über die Nüstern seines
Pferdes, dann setzte er den linken, klebrigen Stiefel in den Steigbügel
und
schwang sich auf den Sattel. Auch den hatten die umsichtigen Männer mit
einer
derben Leinendecke gegen den Schmutz aus dem Sumpf geschützt. Ludwig
fragte sich
augenblicklich, ob sie immer schon so umsichtig waren, oder ob sie nur
ihm
diese Aufmerksamkeit angedeihen ließen, weil er so jung war?
Und trotz der durchnässten Kleider fühlte er eine
Wärme in sich, die von den Männern herrührte. Und in diesem Augenblick
begriff
er, warum sein Vater ihm immer wieder die Verantwortung eines Fürsten
gepredigt
hatte. Er ließ die bereits aufgenommenen Zügel sinken und fuhr sich mit
beiden
Händen übers Gesicht, um die Haarsträhnen zu ordnen. Dann griff er sich
in den
Nacken und legte das beinahe hüftlange Haar über die geschulterte Decke.
Er war blond wie die Sachsen. Seine Mutter stammte
aus einem westfälischen Grafengeschlecht. Und sein Lächeln, was er den
Männern
beim Aufsitzen schenkte, wurde von einem verwegenen jugendlichen Bart
eingerahmt. Seine grünen Augen wanderten von einem zum anderen.
Sie ritten dann auf den höher gelegenen Händlerweg,
der um die Karstfelsen führte.
Die von Bäumen gesäumte Felsformation hatte schon
immer das Interesse der Bauern der umliegenden Dörfer erweckt.
Allerdings waren
das keine Geschichten, die man seinen Kindern erzählte. Aber Ludwig
kannte sie
alle. Einmal im Frühjahr trafen sich die Jungen dort, um die ganze
Nacht
auszuharren. Es war eine Mutprobe, denn dort sei es unheimlich,
zumindest
glaubte das jeder. Und niemand konnte die Geschichten darüber so
unheimlich
erzählen, wie Martin, der Kaplan von Vaduz. Immer, wenn Ludwig an den
Felsen vorbei ritt, bekreuzigte er sich,
was er eben wieder tat. Meistens hob er dann den Blick zu den Felsen
empor,
aber dieses Mal blickte er zum Fluss. Und sofort erkannte er die
Reiter, die
keine Bauern sein konnten.
»Das sind doch Meldereiter!?«, rief er sofort aus.
Und weil Konrad auch schon ein Auge auf diese geworfen hatte, ritt er
an dessen
Seite.
»Was ist? Stimmt da was nicht?«
»Der zweite Reiter sitzt nicht mehr recht im Sattel.
Er ist verwundet!«
Ludwig wendete sein Pferd und winkte seine Männer zu
sich. Sie hetzten nun ihrerseits die Pferde, um die fremden Reiter an
der
Flussbiegung zu stellen. Die Decke hatte der junge Graf dabei verloren
und sein
schwarzer Wallach deckte sich nun nahezu mit dem Dreck auf des Grafen
Bekleidung und Bewaffnung. Lediglich das blonde Haar gab seiner Gestalt
noch etwas
Menschliches. Ludwig sah sich glücklicherweise selbst nicht und das
Wappen auf
der Schabracke, das ihn identifizieren konnte, war unter der über den
Sattel
geworfenen Decke verborgen.
»Überfall im Sünderloch!«, rief ihnen einer der
Meldereiter entgegen, als die Vaduzer plötzlich vor ihnen auftauchten.
Der zweite
Meldereiter konnte das Aufstoppen seines Pferdes nicht mehr
kontrollieren und
stürzte. Da sah Ludwig den Pfeil in der blutenden Wunde.
»FÜHRE UNS!«, brüllte er den unversehrten Reiter an,
der wie im Schock auf seinem Pferd verharrte. Und der Mann fragte weder
nach
der Herkunft noch nach dem Namen des Hern, sondern wendete sein Pferd
und
führte Ludwig und dessen Reiter zurück in das Flusstal.
Im stechenden Galopp jagten sie nun nach Süden und
passierten schon bald die Stelle, wo der Reisigweg zum Fluss führte.
Ludwig
dachte kurz an das entwürdigende Ereignis, dann jedoch gab er seinem
schwarzen
Wallach die Sporen, um den Meldereiter einzuholen.
»Du sprachst vom Überfall! Wer? Wen?«, rief er.
»Kaufmannszug... überfallen von elenden
Gestalten...«
Mehr Worte bedurfte es nicht, schon Ludwigs Vater
hatte vom Schwabenherzog ein jährliches Schutzgeld für die Sicherung
des oberen
Flussweges erhalten. Nun ärgerte er sich, drei seiner Männer zur Burg
gejagt zu
haben. Die Pferde pflügten mit ihren Hufen den trockenen Sand des
kleinen Tales
um, das die Menschen hier Sünderloch nannten. Der Anblick
abgeschlagener Körperteile
verzerrte augenblicklich ihren Blick.
Zwei der sieben Wagen waren umgestürzt, mehr als ein
Dutzend Leichen lagen hier umher, die meisten verstümmelt. Aber unter
den Toten
wähnte Ludwig wenigstens fünf Wegelagerer.
»Wohin sind die geflohen?«, fragte er den Kaufmann,
der um seine erschlagenen Knechte weinte und der von dem plötzlichen
Auftreten
Ludwigs beinahe ebenso erschrocken herumfuhr: »Dort hinein... dort in
den
Wald... mit den christlichen Schwestern, die sich uns anschlossen, um
sicher zu
reisen...«
»Ihr beide folgt mir!«, ordnete Ludwig an und meinte
damit zwei bewaffnete Knechte des Kaufmanns, die von der Autorität des
ihnen
Fremden so überwältigt waren, dass sie ohne Umschweife auf die Pferde
sprangen
und dem Grafen hinterdrein ritten.
Bald schon verschwanden ihre Pferde im dichten
Blattgestrüpp des südlichen Waldes. Doch lange mussten sie dem Tierpfad
nicht
folgen, denn der führte sie schon nach wenigen Augenblicken auf eine
Lichtung.
Zwei der Frauen gerieten beinahe unter die Hufe der Pferde, als die
Reiter im
Zorn heranpreschten, aber die waren schon tot. Ihre nackten Körper
waren
seltsam verkrümmt, ihre Schädel eingeschlagen...
Ludwig sprang aus dem Sattel und hatte Mühe, sein
vom Dreck verkrustetes Schwert zu ziehen. Konrads zog schnell einen
Pfeil auf
die Sehne und schoss den in einen herantürmenden Büttel. Drei
Wegelagerer, die
sich um die dritte Frau gekniet hatten, flüchteten bei dem Anblick der
Fremden ohne
Beinkleider in das Unterholz, wo sie von Ludwigs Männern zu Fuß
verfolgt wurden.
Der letzte der verbliebenen Büttel lag immer noch zwischen den
gewaltsam
geöffneten Schenkeln einer jungen Frau und biss unablässig in ihre
Brüste. Der war
so im Wahn, dass er die veränderte Situation um sich herum nicht mehr
mitbekam.
Ludwig riss den Kopf des Mannes hoch und schnitt ihm
mit der Schwertklinge über die Kehle. Er empfand weder Mitleid noch
Wut. Der
Kerl hätte sowieso den Weg zum Henker antreten müssen, aber hier war
Ludwig die
Gerichtsbarkeit.
Als Konrad hinzutrat zogen sie gemeinsam den röchelnden
Kerl vom Leib der Frau. Dann tötete Konrad den Mann mit einem gezielten
Stich ins Herz und ließ ihn hinfort
schleifen.
Ludwig war von dem Anblick der jungen Frau
fasziniert. Die nackte Angst des Todes sah er ihn ihren starren Augen,
aber an
dem Heben und Senken ihrer Brüste erkannte er, dass da noch Leben war.
Er riss
einem umstehenden Bewaffneten den Umhang von der Schulter und bedeckte
ihre
Blöße.
»Deine Marter ist vorbei, ich bin Ludwig, Graf von
Vaduz«, sagte er mit bebender Stimme, weil ihn nun auch das Grauen
seiner
eigenen Tat erfasst hatte.
Er schätzte sie auf Sechzehn und sie hatte einen
stumpfen Ausdruck in den Augen, den Ludwig nur bei den Pestkranken
gesehen
hatte, die lebendig verfaulten, wie sein Vater, seine Mutter, seine
Schwester...
Plötzlich öffnete sie den Mund und ihre Lippen
schienen Worte formen zu wollen. Die rehbraunen Augen begannen zu
weinen und
Ludwig beugte sich über sie, um den schwachen Worten zu lauschen. Er
verstand
kaum einen Laut.
»Sie ist Böhmin«, sagte er darum, als Konrad sich
niederkniete und der Frau seine flache Hand auf die Stirn legte. Der
Jäger war
auch Heilkundiger. Und wenn jemand die Schwelle zischen Leben und Tod
erkannte,
dann er.
»Wir nehmen sie mit auf die Burg«, lege Ludwig fest.
Der Jäger fühlte den Puls an der Halsschlagader:
»Länger würde sie auch nicht durchhalten...«
»Die Opfer des Überfalls begraben wir auf dem
Burgfriedhof, die Büttel selbst werden zum Verfaulen an die Bäume des
Weges
gehängt«, befahl Ludwig nun seinen Männern. Und die verloren keine
Zeit, um den
Worten des Grafen Taten folgen zu lassen.
Und als sein Blick wieder auf die Frau fiel, die
Konrad nun auf den Armen trug, um sie aus dem Walde zu bringen,
bemerkte er
wohl die Schönheit dieses weiblichen Wesens.
»Gott möge sie mir gesund machen, sonst muss ich den
Rest meines Lebens in diesen Wald reiten und bittere Tränen vergießen.«
»Es ist keine Schwäche, um ein Geschöpf Gottes zu
weinen«, erwiderte der Jäger nur.
Die Worte rissen Ludwig wieder aus seinem
sentimentalen Nachsinnen.
»Manchmal weiß ich nicht, ob du nun zum Krieger oder
zum Magister geboren bist. Du würdest auch einen vortrefflicher
Priester
abgeben, Konrad.«
Und weil der ihm keine Erwiderung entgegenbrachte,
fügte der Graf an: »Wie kann Gott in nur einem Menschen so viele
Fähigkeiten
vereinen, wenn er sie doch bei anderen gänzlich missen lässt?«
Aber auch darauf antwortete Konrad nicht.
2.
Langsam ratterten die Wagen der Kaufleute,
die nun
auch die Verletzten beförderten, über die schmalen Wege hoch über dem
Rhein auf
die Burg Vaduz zu. Niemand sprach ein Wort. Zu viel Grauen hatten sie
alle in
den letzten Augenblicken erleben müssen, denn auf Befehl des jungen
Grafen wurden
zwei weitere Büttel, die seine Männer ergreifen konnten, an einer Eiche
aufgehängt. Die jungen Kerle sträubten sich und mussten erst durch
dumpfe
Schläge ihrer Gegenwehr beraubt werden.
Diejenigen, die das Leid über andere bringen, klagen
dann am lautesten, wenn die Strafe Gottes sie selbst erfasst. Wie oft
hatte
Konrad, der erfahrene Jäger und Krieger des alten Grafen, das bereits
erfahren?
Darum riet er nun dessen Sohn, hier keine Gnade zu gewähren. Auge um
Auge,
sonst verkommt das Land. Milde schürt allein das Verbrechen, und ein
Fürst, der
keine Ordnung hält, kann seinen Untertanen kein gerechter Herr sein.
All diese Worte hörte Ludwig nicht zum ersten Male,
doch sie milderten das Würgen, das ihm überkam, als er die
Aufgeknüpften
zappeln sah. Er starrte die an, bis nicht nur alle Flüssigkeit aus
denen
entwichen war, sondern auch das Leben.
Die Leichen ihrer Bandenmitglieder hängten sie
daneben. Dort würden die nun verfaulen und ihre bleichen Knochen wohl
noch so
manchen Reisenden erschrecken und manchen Wegelagerer eine Warnung
sein! Und
wenn nicht, würde Ludwig sie jagen lassen, um sie ebenso an diese
Stelle des
Weges aufzuknüpfen. Die Rolle des Fürsten hatte er schnell angenommen.
Jetzt,
wo alles über ihn hereinbrach.
Vor zwei Jahren verunglückte Ludwigs älterer Bruder
tödlich bei der Jagd. Eine Wildsau rammte ihm die Hauer in die Rippen,
dass er
innerlich verblutete. Da ließ sein Vater ihn von der Domschule Chur
abholen,
weil er nun der Erbe sei und statt der septem artes liberales,
der
sieben freien Künste, erfuhr Ludwig nun das Kriegshandwerk. Da war er
Fünfzehn.
Obwohl es üblich war, die Grafensöhne bei einem
fremden Ritter ausbilden zu lassen, ließ Ludwigs Vater davon ab. So
wurde der
Junge am eigenen Hofe durch des Grafen Schwerträger Konrad ausgebildet,
was
auch Ludwig selbst angenehm erschien, da er so durch den Hofkaplan
Martin das
Quadrivium fortführen konnte, und in Arithmetik, Geometrie, Astronomie
und
Musik weiter unterrichtet wurde, was dem Grafen weniger gefiel.
Ludwig aber liebte das Spielen mit den Zahlen: das
Summieren, das Erzeugen von Produkten durch das Multiplizieren und auch
die
Mengenlehre. All das gab ihm eine Vorstellung vom göttlichen Sein, von
der
Vielfalt der Dinge.
Schon während des Triviums, der Unterrichtung in
Grammatik, Rhetorik und Dialektik war er ein ehrgeiziger Schüler. Hier
liebte
er das Zusammenformen von Wörtern, um neue zu bilden. Versuchte
unentwegt, die
Handlungen der Vernunft im Einklang mit dem göttlichen Willen zu
erklären.
Aber dann musste seine Hand das Schwert führen
lernen, die Lanze halten, den Schild benutzen, das Beil führen. Und
diese
Waffen waren unheimlich schwer. Ludwigs schwacher Körper wurde durch
dauernde
Leibesübungen geformt und gehärtet, dass es ihm später keine Last war,
Schwert
schwingend im Sattel zu sitzen. Auch das freihändige Reiten lernte er
schnell,
ebenso wie das Bogenschießen. Nur die Jagd hasste er. Ob es daran lag,
dass
sein Bruder dabei zu Tode kam und sich damit auch sein Leben
schlagartig
veränderte, vermochte er nicht zu sagen. Er mochte die Jagd nicht,
darüber
nachzusinnen, lag ihm jedoch fern.
Der Bergfried der Burg tauchte nun plötzlich
hocherhoben in der Ferne auf. Der Schlamm war an der Kleidung
getrocknet und
Ludwig fühlte sich lebendig einbalsamiert und warf einen flüchtigen
Blick auf
den bewaldeten Triesenberg, aus dem eine Rauchseule aufstieg.
»Sicherlich
ein Haufen dreister Bauernstrolche, die das Wildbrett des Grafen
braten«, sagte
Konrad, der den Blick Ludwigs aufgefangen hatte.
»Dann sollten wir den Dörfern westlich des Berges
bald einen ehrwürdigen Besuch abstatten, um sie an das Wildgesetz zu
erinnern«,
antwortete Ludwig in der tyrannischen Pose eines Fürsten.
»Aber nicht in dem Aufzug!«
Der junge Graf sah sich nach Konrad um und lachte:
»Vielleicht garen sie auch nur eine Wildsau, die sie mir zum Mahl auf
die Burg
bringen wollen?«
»Ich mache mir ernsthaft Sorgen um Euch, Herr. Ihr
seht zuerst das Gute im Menschen, aber der Mensch ist nicht gut. Jeder
sieht
nur zu, dass er seine eigene Seele rettet. Seht lieber immer zuerst das
Schlechte, dann kann Euch niemand enttäuschen.«
Ludwig ritt einen Bogen und kam so direkt an die
linke Seite Konrads. Der alte Jäger, der Kampfgefährte seines Vaters,
dessen
von der Sonne gegerbtes Gesicht durch zahlreiche Narben gekennzeichnet
war,
grinste durch zwei Zahnlücken. Ein dicker grauer Zopf hing ihm über den
Lederwams.
»Du bist aber nicht so, dir kann ich trauen, du
warst immer ehrlich zu mir«, sagte Ludwig.
»Ich bin ein schlechtes Beispiel, von der Treue
verdorben für den Verrat - wer zu lange einem Herrn dient, verwächst
mit dessen
Taten, sie werden so zu den eigenen.«
»Dann werde ich mich zukünftig nur noch mit
schlechten Beispielen umgeben, denn Treue ist das einzige, was ich
verlange.
Die steht für mich vor dem Tod.«
Konrad nickte nur. Sie hatten den Platz vor der Burg
erreicht. Die Wachmannschaft trat aus dem Tor, um den jungen Herrn zu
empfangen.
Ludwig überließ es dem Hofkaplan Martin, sich um die
Unterbringung der Gäste und Verwundeten zu kümmern. Schnell entledigte
er sich
des Waffengurtes und überließ Konrad die Sorge um das Reinigen von
Waffen und
Geschirr.
Über einen Nebeneinlass gelangte er direkt in die
Waschstube, wo er schon von Alfred erwartet wurde. Sein Leibdiener
hatte einige
Scheite Holz entzündet, und die Hitze um den Waschbottich ließ Ludwig
sofort
den Schweiß auf die Stirn treiben. Er riss sich den verdreckten
Lederrock von
der Hüfte und ließ sich dann von Alfred gänzlich entkleiden. Er stieg
in den
hölzernen Bottich hinein und sank herab, bis nur noch sein Kopf
herausragte.
»Habt Ihr noch einen Wunsch, Herr?«
Ludwig antwortete nicht sofort, er schöpfte sich mit
den Händen das warme Wasser übers Gesicht.
»Für den Augenblick nicht, Alfred«, sagte er dann,
»aber gebt meine Kleidung nach der Reinigung einem Bettler. Ich will
sie nicht
mehr tragen.«
»Wie Ihr wollt, Herr!«
Dann war Ludwig endlich allein. Aber seine Gedanken
blieben noch einen Augenblick bei Alfred. Eigentlich sollte ein junger
Herr
sich auch einen jungen Leibdiener zulegen, dachte er, aber verwarf den
Gedanken
sofort wieder. Alfred hatte die Pest ebenso überlebt, und das trotz des
engen
Kontaktes zu seinem Vater. Das konnte auch ein Zeichen sein. Ludwig
hatte
gelernt, auf Zeichen des allmächtigen Gottes zu achten.
Dann dachte er an das schöne Mädchen, das er auf die
Burg bringen ließ – die Böhmin. Er hatte noch nie ein schöneres Mädchen
gesehen. Noch im letzten Sommer hatte er mit den Jungen des Dorfes die
Badestelle der Mädchen ausspioniert. Er wollte schließlich wissen,
woran er
sein würde, wenn er sich mit einer der Tänzerinnen nach dem Erntefest
im Heu
vergnügte. Und tatsächlich war es dann so dunkel, dass er ihre Schenkel
und
Brüste nur ertasten, nicht aber sehen konnte. Zum Glück hatte er Marie
öfters
beim Baden belauscht. Sie starb im Frühjahr, da war die Pest aber schon
abgeklungen. Die Leute sagten, sie hatte die Ruhr.
Aber die Böhmin war unbegreiflich schön, dachte er
wieder. Wie sie so da lag...geschändet von einem...
Ludwig wurde wütend. Und nun bereute er auch, das
eigene Schwert nicht durch den gesamten Körper des Büttels getrieben zu
haben.
Der Kehlschnitt war eine Gnade, die diesem nicht zustand.
Aber als er sich die zartrosa Spitzen ihrer Brüste
in Erinnerung rief, entspannten sich seine Muskeln wieder und er
schloss zum
Träumen die Augen. Und beinahe wäre er eingeschlafen, aber als Alfred
mit
frischer Kleidung hineintrat, fuhr er erschrocken hoch.
»Verzeiht, Herr, aber ich hatte geklopft.«
»Schon gut!«
Ludwig entstieg dem Trog und ließ sich ein
gebleichtes Tuch umlegen.
»Ich schaffe das schon selbst, Alfred! Du kannst
dich entfernen, aber sage Konrad, dass ich das Kurzschwert mit dem
silbernen
Löwen auf der Scheide anlegen will.«
Der Leibdiener wiederholte die Worte und verließ
seinen Herrn.
Ludwig trug nun über die engen Beinkleider aus rotgefärbten
Leinen ebenso rotgefärbte Lederstiefel. Die schneeweiße Tunika mit dem
Familienwappen hing ihm beinahe bis zu den Knien herab, war jedoch
beidseitig
bis zur Hüfte geschlitzt.
Darüber schnallte er dann den Waffengurt, den Alfred
gerade auf seinen ausgestreckten Händen herangetragen hatte.
»Kündige unseren Gästen schon mal meine Aufwartung
an«, trug er nun seinem Diener auf. Dann verließ er die Waschstube und
schritt
kurzen Weges in den Gesindetrakt. Als er die Tür zum Lazarett betrat,
erlaubte
er durch eine Handgeste, dass die Kräuterfrau sich nicht für ihn erhob,
sondern
in ihrer Fürsorge um die Verwundete fortfuhr.
Ludwig trat an das Lager der böhmischen Schönen. Sie
schlief.
»Hat sie ihren Namen genannt?«
Die Kräuterfrau schüttelte mit dem Kopf: »Sie sprach
kein einziges Wort.«
»Sind ihre Wunden schlimm?«
»Äußerlich nicht, aber die an der Seele sind wohl
schlimmer, als Ihr Euch diese vorstellen könnt.«
Und das konnte Ludwig in der Tat nicht, deshalb
beließ er es dabei, mit der Hand über den Haarschopf des Mädchens zu
fahren.
»Wirst du sie heilen?«
»Wenn Gott es will.«
Ludwig nickte, aber das war für ihn keine Antwort.
»Ich will es auch«, sagte er darum bestimmter.
»Herr, ich muss mich auch um die anderen kümmern.«
»Du wirst dich nur um sie kümmern, für die anderen
bekommst du Hilfe.«
»Wenn Ihr das wollt, Herr.«
»Genau das will ich so!«
Dann trat Ludwig an das Bettlager jedes Verwundeten
und fragte nach der Schwerer der Verletzung. Und bereitwillig zeigte
jeder dem
Grafen die offenen Schnitt- und Hiebwunden, die sie durch den Überfall
erlitten
hatten und die bisher nur notdürftig versorgt wurden.
»Ihr habt diesen Bütteln eine gerechte Strafe
angedacht, Herr, sie mögen an ihren Stricken verfaulen, bis zum
jüngsten Tage«,
bemerkte ein älterer Kutscher und die anderen stimmten dem zu und
lobpreisten
den Einsatz des Grafen von Vaduz für ihr eigen Leib und Leben.
»Ich bin der Herr hier über das Land bis Konstanz.
In meiner Grafschaft werde ich die Wegelagerei immer bekämpfen«,
antwortete
Ludwig nur und erhielt dafür wieder den Beifall der sieben Verletzten
aus dem
Kaufmannszug.
Als er nur wenige Augenblicke später den Rittersaal
betrat, erstarrte das Palaver der Anwesenden.
Die Kaufleute hatten sich heftig über ihre Verluste
gestritten und machten sich gegenseitig Vorwürfe der Unachtsamkeit;
aber als
Ludwig die Schwelle betrat und von Alfred als Herr von Vaduz benannt
wurde,
zogen allesamt ihre wertvollen Hüte von den verschwitzen Köpfen.
Derweil war auch die Tafel angerichtet und Ludwig
bat nun die Anwesenden in den Speisesaal, den er bei Besuch immer
herrichten
ließ, da die Burgküche direkt im Untergeschoss lag.
In dem Augenblick trat der Meldereiter an ihn heran
und übergab ihm einen versiegelten Umschlag. Das Siegel erkannte der
junge Graf
sofort.
»Der König hat eine Botschaft für mich, und du
trödelst mit der Zeit, dass derweil die Sonne versunken ist!«
»Verzeiht, Herr, aber Euer Aufzug zuvor schien mir
der Übergabe nicht würdig«, bekam Ludwig kleinlaut zur Antwort.
Der Graf beließ es dabei.
3.
Die Lichter im Speisesaal
brannten heute länger als sonst. Und jetzt, wo das Tor verschlossen
war,
wachten nur noch vier Mann über das Wohl der Burg.
»Hoffentlich schmeißt unser Herr die ganze Mischpoke
morgen wieder raus? Die Saufen und Dummschwätzen nur...«
Manfred starrte wieder zu den beleuchteten
Spitzfenstern herüber. Sein Kopf ruhte auf den gefalteten Händen, die
ihrerseits ruhend auf der Spitze des Langbogens verweilten.
»Am liebsten würdest du wohl einen Pfeil durch die
Fensteröffnung jagen?«
»Bist du noch bei Sinnen? Könnte doch unseren Herrn
treffen!«
Eine Weile blieb nun auch Wolfram wie angewurzelt
stehen und blickte hinüber. Aber nur Wortfetzen konnten sie hören.
»Lass uns auf den Ostgang zurückkehren, du verstehst
doch eh nichts«, sagte er dann. Aber Manfred wollte noch nicht
aufgeben. Er spitzte
die Ohren wie ein Fuchs.
»Will nur wissen, ob sie darüber reden«, bemerkte
er.
»Worüber?«
»Über den königlichen Brief.«
Wolfram starrte nun seinen Kameraden an, wie den
Leibhaftigen.
»Still...«, zischte Manfred und unterband die
nächste Frage. Dann aber klopfte er Wolfram plötzlich auf die Schulter,
und die
Wächter fuhren darin fort, den Wehrgang der Burg abzuschreiten. Am Ende
des
östlichen Ganges würden sie auf die beiden anderen Wachen treffen.
Die Burg war als Kastell gebaut, mit einem kleinen
Innenhof und einem hochaufragenden Bergfried. Jede Ecke des Kastells
war durch
einen Wehrturm befestigt. Am Tage hielt sich die Wache nur auf dem
Bergfried
und am Tor auf, aber in der Nacht umgangen sie die Wehrgänge der
äußeren
Burgmauer. Diese umschloss das gesamte Kastell und konnte über vier
Zugbrücken
erreicht werden. In dem äußeren Hof, zwischen Kastell und Burgmauer,
befanden
sich vorwiegend die Stallungen der Pferde und auch die Burgschmiede. Im
Südflügel des Kastells waren die Burgkapelle und der Speisesaal mit
Küche und
Gelass untergebracht. Der Rittersaal mit den herrschaftlichen Stuben
lag im
Ostflügel.
Und auf die dunklen Spitzfenster des Rittersaales
fiel nun auch der Blick Manfreds, als er vom Schmied erzählte, der das
Pferd
des Meldereiters beschlagen hatte. Der Schmied wiederum erzählte, dass
er einen
königlichen Brief an den Grafen von Vaduz übergeben sollte.
»Was kann das bedeuten?«, fragte Wolfram.
Manfred zuckte mit den Schultern: »Ein Sicherungsauftrag,
ein Geleitschutz, eine Beherbergung...
Man kann nie wissen, wonach dem König der Sinn
steht.«
»Bloß keine Beherbergung«, stöhnte Wolfram sofort
auf, »mir genügen die Pfeffersäcke schon. Dann schon lieber ein
Sicherungsauftrag.«
Manfred lachte höhnisch: »Glaubst du, das
Wacheschieben ist anderswo erträglicher? Immer dasselbe, tagein
tagaus... und
jedem Edellump den Diener machen. Zum Teufel damit!!!«
Beide bekreuzigten sich sofort nach dem derben Fluch
und sahen kurz zum verdunkelten Himmel hoch.
»Was schwebt dir denn vor?«, fragte Wolfram dann
leise.
Manfred grübelte ein wenig und kniff dabei die Augen
zusammen, was aber Wolfram wegen der Dunkelheit nicht sehen konnte.
»Mein Vater, Gott behüte seine Seele, war in jungen
Jahren als Waffenknecht mit dem alten Grafen auf dem Kreuzzug gegen die
Osmanen.«
»Gegen diese Höllenhunde?«
»Ja gegen diese«, hob Manfred seine Stimme wegen der
Unterbrechung. »Und die Abteilung des Grafen kam dabei heftig unter das
Messer,
sie hatten weitaus mehr blutende Wunden als sie den Osmanen schlagen
konnten.
Sie verloren jeden zweiten Mann.«
Manfred machte eine Pause, weil er die Worte auf
sich selbst wirken lassen wollte. Wolfram wagte es dieses Mal nicht,
ihn zu
unterbrechen, obwohl ihm eine Frage auf der Zunge lag.
»Trotz des grauenhaften Schlachtens hatte mein Vater
den Rest seines Lebens nur von diesem Zug gegen die Osmanen gesprochen.
Das
hatte sein Leben verändert. Es war die Nähe zu Gott - das Streiten für
die
gerechte Sache - ein Gottesstreiter zu sein.«
Manfred unterbrach sich kurz selbst, um sich zu
räuspern.
»Ja, das waren seine Worte«, sprudelte es dann
förmlich aus ihm heraus. »Gottesstreiter! Junge, wir waren
Gottesstreiter,
hatte er immer gesagt. Denn sie kämpften für Gott, der ihnen die
himmlischen
Heerscharen unter Führung des Heiligen Georgs zur Seite stellte...
weiße Ritter
auf weißen Pferden... ja, das waren seine Worte. So sah er sie...«
»Die Osmanen?«
»Die himmlischen Heerscharen, du Holzkopf!«
»Sprach er nie von Jesu, unseren Heiland?«, bemerkte
Wolfram etwas bekümmert.
»Nein, er sprach nur von den himmlischen Heerscharen
und dessen Führung durch den Heiligen Georg.«
Manfred grübelte.
»Manchmal sprach er aber auch von den fränkischen
Abteilungen, deren Ritter behaupteten, dass ihnen der Erzengel Michael
die
himmlischen Heerscharen anführte. Nein, von Jesu sprach er in diesem
Zusammenhang niemals.«
Beide schwiegen eine Weile.
»Wenn unser Herr Graf solch einen Auftrag erhielte,
da wäre ich dabei. Gottesstreiter sein, so wie mein Vater... Und dann
könnte
auch ich davon meinen Kindern berichten.«
»Du musst erst mal welche haben!«
Wolfram war achtzehn. Manfred aber bereits
Einundzwanzig, da hatten die Bauernjungen in den Dörfern bereits ihr
Liebchen
geheiratet.
»Und warum glaubst du, dass der Graf gerade dich mitnimmt?«
»Weil ich der beste Bogenschütze bin, das kann dir
Konrad bestätigen«, entgegnete Manfred schlagfertig.
Wolfram dachte an das Turnier im letzten Herbst, wo
Manfred klarer Sieger im Bogenschießen und im Lanzenwurf wurde. Nur im
gezielten Beilwurf und im Schwertkampf war der junge Graf der beste
Kämpfer.
Da fiel Manfred plötzlich noch was ein: »Mein Vater
erzählte dann auch, dass der alte Graf ein Drachenritter war.«
»Ein Drachenritter?«
»Ja, so nannte er diesen Orden, den der König
Sigismund gegründet haben soll.«
Und wieder schwiegen sie beide. Ihre Blicke
schweiften über die Brustwehr in das Dunkel der Nacht, über die noch
dunkleren
Kronen der Bäume auf dem Kamm.
»Es gibt aber einen Grund, warum der junge Graf auch
mich mitnehmen wird«, sagte Wolfram dann plötzlich.
»Da bin ich aber gespannt drauf!«
»Na, ich habe genauso langes Haar wie der Graf
selbst. Und von Konrad weiß ich, dass der Graf Krieger mit langen
Haaren
bevorzugt, weil sie die Wildheit unserer Ahnen verkörpern.«
»Du und wild, wie soll das aussehen, he?«
Im Nu hatte Wolfram sein Messer gezogen und schnitt
Manfred den Köcher vom Waffengurt, dass die Pfeile sich polternd über
den
Wehrgang verteilten und einige in den Hof fielen.
»Ein Bogenschütze ohne Köcher, ist wie ein Weib ohne
Brust«, kicherte er und hätte sich wohl von Manfred augenblicklich eine
eingefangen, wenn nicht Konrad plötzlich erschienen wäre, um seinen
Abendrundgang zu machen.
»Nennt ihr das Wachdienst!? Palavern könnt ihr in
der Freiwache«, fuhr er sie an. Dann trat er auf die Pfeile, die nun
unter
seinen Stiefeln knackten.
»Seid ihr verrückt, oder habt ihr Wein getrunken?«,
brüllte er sie zornig an.
»Keinen Schluck«, beteuerten beide.
»Eure Freiwache wird ausfallen, ihr werdet euch
stattdessen in der Schmiede melden. Ist das klar!?«
Beide nickten.
»Räumt gefälligst auf hier! Und dann will ich euch
nur noch laufen sehen!«
Konrad konnte sich nur schwer wieder beruhigen, wenn
ihn was aufregte. Als sie ihn schon lange nicht mehr sahen, hörten sie
immer
noch sein Fluchen.
»Der Graf wird wohl keinen von uns mitnehmen«, sagte
Wolfram leise, als er sich bückte, um die ungebrochenen Pfeile
aufzuheben, die
Manfred dann wieder in den Köcher tat.
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