...denn die Wahrheit ist zum Teufel
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Halt mal!
Bildungsreise zu den Schauplätzen des Konzils in Konstanz 1414-1418
zum Gedenken an den Prager Magister Jan Hus
Ich widme dieses Buch dem böhmischen Reformator  Johannes Hus, dem Prager Magister für Philosophie, der den Mut aufbrachte, gegen die katholische Ignoranz der menschlichen Vernunft aufzubegehren und der wegen seiner tiefen Überzeugung am 6. Juli 1415 von den Verfechtern des katholischen Glaubens verbrannt wurde.
Denn auch heute noch ist das freie Denken in höchster Gefahr!
Als der junge Graf Ludwig von Vaduz im Auftrage des deutschen Königs Sigismund von Luxemburg den Begleitschutz für den Prager Magister Johannes Hus übernahm, konnte er nicht wissen, daß ihn sein Weg direkt in die Katastrophe führte.
Voller Hingabe für die neuen Lehren des böhmischen Philosophen und väterlichen Klerikers, musste er nicht nur die Aufhebung des Schutzversprechens durch König Sigismund auf dem Konstanzer Konzil erleben, sondern auch der schändlichen Verbrennung des Johannes Hus beiwohnen.
Sein Bild von der Gerechtigkeit der Kirche war nachhaltig zerstört, und den Treuebruch lastete er sich selbst an. Als dann in Böhmen die Anhänger des Johannes Hus offen gegen die katholische Kirche rebellierten, erhielt er die königliche Einladung zum Kreuzzug gegen die Hussiten... da hatte er aber selbst schon eine Entscheidung getroffen.
LESEPROBE

1. 

Als er von dem Reisigweg abrutschte und sein Stiefel in den Sumpf platschte, fuhr ihm der schwarze Dreck in die Augen. Seine linke Hand fingerte das lange Haar aus dem Gesicht und er begann die Augen zu reiben, aber die feuchten Klumpen lagen wie Pech auf seinem Gesicht und verkleisterten den blonden Haarschopf.
Er riss sich die ledernde Haube vom Kopf und fluchte. Dann wischte er sich übers  Gesicht. Da erblickte er die spitzen Hörner und augenblicklich sprang er zur Seite, wohlwissend, dass er bis zum Halse im Sumpf versinken würde.
Ludwig fluchte jetzt noch lauter, aber über einen Ast gebeugt, den er beim Sprung mitgerissen hatte, hielt er wenigstens seinen Oberkörper aus dem Sumpf heraus. Das Röcheln und den Todeskampf des Rehbocks vernahm er aus einer für ihn unwürdigen Lage. Das Tier hatten sie hier am Ufer des Rheins in die Enge getrieben. Ins Wasser wollte es nicht und in den Sumpf auch nicht. Da steckte jetzt Ludwig, aber zum Glück warf ihm der alte Jäger schnell ein Seil zu.
»Ihr seid wohl ein vorzüglicher Schwertkämpfer, junger Herr, aber die Jagd ist Eure Sache nicht!«
Ludwig antwortete nicht, sondern war zunächst froh, das Seilende zu greifen und sich von den Treibern aus der misslichen Lage befreien zu lassen. Als er der Länge nach wieder auf dem Reisigweg zu liegen kam, stützten sie ihn hoch. Er musste bemitleidenswert aussehen, denn sie starrten ihn an, als hätte er die Pest. Nichts war übrig vom edlen Glanz seiner Kleider.
»Ihr seht mich an, wie den Leibhaftigen!«, blaffte er die Männer an, die sich sofort daran machten, die Kleider des jungen Grafen mit den Händen abzuputzen.
»Schert Euch zur Burg!«, kommandierte Ludwig, »und sorgt für einen wohlgefüllten Waschzuber mit warmem Wasser!«
Sie ließen sich das nicht zweimal sagen und folgten dem Befehl des Grafen, der sich alsbald den Dreck mit dem breiten Hirschfänger von der Lederweste schabte.
Der alte Jäger rollte mit den Augen wegen der missbräuchlichen Benutzung der kunstvollen Jagdwaffe.
»Sag, Konrad, sehe ich wirklich so abstoßend aus?«, fragte Ludwig.
Der Jäger sah den Siebzehnjährigen, den er vom ersten Lebensjahr her kannte, mit ehrlichen Augen an.
»Eurer Vater, Gott habe ihn wohlwollend empfangen, sah auf dem Totenbett besser aus!«
Ludwig schluckte, aber er empfand die Worte Konrads nicht beleidigend. Er blickte den Jäger, der wohl fünfzig Jahre alt war – der Mann wusste es selbst nicht genau – nun mit freundlicher Miene an.
»Ich hoffe doch, dich holt Gott nicht so schnell zu sich, dass du mir noch eine Weile zur Seite stehen kannst!«
»Niemand kann wissen, wann der Herrgott die Seele verlangt. Aber solange ich meine Lanze besser führen kann, will ich dem Grafen von Vaduz ein treuer Diener sein.«
Ludwig wurde augenblicklich sentimental. Mein Vater war  der Graf, dachte er, aber jetzt nennen sie mich ebenso, wo ich doch eigentlich auf der Domschule die freien Künste erlernen wollte...
»Herr, die Prüfung kommt oft schneller, als sich die Zeit den Weg bahnt. Ihr solltet Jesu danken, dass die Pest nicht auch Euch befiel«, meinte Konrad, weil er merkte, dass der junge Burgherr in der Vergangenheit grübelte.
»Aber kann es Gott gefallen, wenn die Familie elendig vom Fleische fällt?«
»Gott hat bestimmt, dass Ihr lebt, mehr dürft Ihr nicht sehen!«
»Mein Vater muss eine Erleuchtung erfahren haben, als er dich für den Dienst auswählte, Konrad!«
»Diese Erleuchtung habe ich gesehen. Es war das bengalische Feuer des osmanischen Heeres, das den Rittern König Sigismunds das Totenbett beleuchtete – nur wenige entkamen damals.«
Ludwig latschte neben dem Jäger her, ordentlich gehen fiel ihm jedenfalls schwer, weil der schlammige Dreck nun auch unter seine Beinkleider gekrochen war. Er fühlte sich entwürdigt, aber vor Konrad musste er dieses Gefühl nicht verbergen. Der hatte seinen todkranken Vater bis zuletzt gepflegt, ungeachtet der Gefahr der Ansteckung. Eine Treue, die den Tod nicht fürchtet. Und Ludwig wusste, dass diese Treue aus dem elenden Kreuzzug König Sigismunds gegen die Osmanen herrührte. Das war im Jahre 1396, da war er noch nicht einmal geboren. Erst im Frühjahr des darauffolgenden Jahres erblickte er das Licht der Welt. Aber seit er sich erinnern konnte, hatte ihm sein Vater von den Kämpfen gegen die Osmanen erzählt. Und immer war zwischen all den Worten des Grauens und des Schlachtens auch Raum für Bewunderung und Ehrfurcht.
Aber warum zieht ihr dann gegen den Sultan in den Krieg? Diese Frage hatte Ludwig seinem Vater oft gestellt. Und die Antwort war auch immer die gleiche: Gott wollte es! Ob ihm Konrad eines Tages eine andere Antwort geben würde? Alles das ging ihm augenblicklich durch den Kopf. Aber er fragte nicht.
Und als ihn der Jäger erwartungsvoll ansah, weil er im Verharren des jungen Grafen auch eine Gefühlsregung erkannte, sagte Ludewig nur: »Gebe Gott, dass auch ich dir lange erhalten bleibe.«
Konrad konnte damit nun gar nichts anfangen, denn er war der Diener und entsprechend zog er die Brauen hoch. Sagte aber nichts darauf.
»Lass nur«, bestimmte Ludwig, »es wäre wirklich dumm, wenn sich zwei Männer das Kleid verderben«, fordert Ludwig, weil sich Konrad den erlegten Bock auf die Schulter laden wollte. »Immer noch besser so heimzukehren als gänzlich ohne Beute«, fügte er hinzu.
Beide Männer schritten so auf dem Reisigweg wieder Richtung Osten. Auch der Bock hatte diesen zur Flucht gewählt. Dabei lief das Tier jedoch an das unüberwindbare Sumpfgebiet des Rheinufers, wo die Männer des Dorfes  sonst den Torf stachen.
Die Sonne stand nun im Westen und zeigte ihnen an, dass es wohl die beste Zeit wäre, zur Burg zurückzukehren.
Vier Bewaffnete standen noch bei den Pferden und erwarteten die beiden. Einer von ihnen nahm dem Grafen das Wild ab und ein anderen legte eine Decke um die Schulter des jungen Fürsten.
Ludwig fuhr beinahe zärtlich über die Nüstern seines Pferdes, dann setzte er den linken, klebrigen Stiefel in den Steigbügel und schwang sich auf den Sattel. Auch den hatten die umsichtigen Männer mit einer derben Leinendecke gegen den Schmutz aus dem Sumpf geschützt. Ludwig fragte sich augenblicklich, ob sie immer schon so umsichtig waren, oder ob sie nur ihm diese Aufmerksamkeit angedeihen ließen, weil er so jung war?
Und trotz der durchnässten Kleider fühlte er eine Wärme in sich, die von den Männern herrührte. Und in diesem Augenblick begriff er, warum sein Vater ihm immer wieder die Verantwortung eines Fürsten gepredigt hatte. Er ließ die bereits aufgenommenen Zügel sinken und fuhr sich mit beiden Händen übers Gesicht, um die Haarsträhnen zu ordnen. Dann griff er sich in den Nacken und legte das beinahe hüftlange Haar über die geschulterte Decke.
Er war blond wie die Sachsen. Seine Mutter stammte aus einem westfälischen Grafengeschlecht. Und sein Lächeln, was er den Männern beim Aufsitzen schenkte, wurde von einem verwegenen jugendlichen Bart eingerahmt. Seine grünen Augen wanderten von einem zum anderen.
Sie ritten dann auf den höher gelegenen Händlerweg, der um die Karstfelsen führte.
Die von Bäumen gesäumte Felsformation hatte schon immer das Interesse der Bauern der umliegenden Dörfer erweckt. Allerdings waren das keine Geschichten, die man seinen Kindern erzählte. Aber Ludwig kannte sie alle. Einmal im Frühjahr trafen sich die Jungen dort, um die ganze Nacht auszuharren. Es war eine Mutprobe, denn dort sei es unheimlich, zumindest glaubte das jeder. Und niemand konnte die Geschichten darüber so unheimlich erzählen, wie Martin, der Kaplan von Vaduz. Immer, wenn Ludwig an den Felsen  vorbei ritt, bekreuzigte er sich, was er eben wieder tat. Meistens hob er dann den Blick zu den Felsen empor, aber dieses Mal blickte er zum Fluss. Und sofort erkannte er die Reiter, die keine Bauern sein konnten.
»Das sind doch Meldereiter!?«, rief er sofort aus. Und weil Konrad auch schon ein Auge auf diese geworfen hatte, ritt er an dessen Seite.
»Was ist? Stimmt da was nicht?«
»Der zweite Reiter sitzt nicht mehr recht im Sattel. Er ist verwundet!«
Ludwig wendete sein Pferd und winkte seine Männer zu sich. Sie hetzten nun ihrerseits die Pferde, um die fremden Reiter an der Flussbiegung zu stellen. Die Decke hatte der junge Graf dabei verloren und sein schwarzer Wallach deckte sich nun nahezu mit dem Dreck auf des Grafen Bekleidung und Bewaffnung. Lediglich das blonde Haar gab seiner Gestalt noch etwas Menschliches. Ludwig sah sich glücklicherweise selbst nicht und das Wappen auf der Schabracke, das ihn identifizieren konnte, war unter der über den Sattel geworfenen Decke verborgen.
»Überfall im Sünderloch!«, rief ihnen einer der Meldereiter entgegen, als die Vaduzer plötzlich vor ihnen auftauchten. Der zweite Meldereiter konnte das Aufstoppen seines Pferdes nicht mehr kontrollieren und stürzte. Da sah Ludwig den Pfeil in der blutenden Wunde.
»FÜHRE UNS!«, brüllte er den unversehrten Reiter an, der wie im Schock auf seinem Pferd verharrte. Und der Mann fragte weder nach der Herkunft noch nach dem Namen des Hern, sondern wendete sein Pferd und führte Ludwig und dessen Reiter zurück in das Flusstal.
Im stechenden Galopp jagten sie nun nach Süden und passierten schon bald die Stelle, wo der Reisigweg zum Fluss führte. Ludwig dachte kurz an das entwürdigende Ereignis, dann jedoch gab er seinem schwarzen Wallach die Sporen, um den Meldereiter einzuholen.
»Du sprachst vom Überfall! Wer? Wen?«, rief er.
»Kaufmannszug... überfallen von elenden Gestalten...«
Mehr Worte bedurfte es nicht, schon Ludwigs Vater hatte vom Schwabenherzog ein jährliches Schutzgeld für die Sicherung des oberen Flussweges erhalten. Nun ärgerte er sich, drei seiner Männer zur Burg gejagt zu haben. Die Pferde pflügten mit ihren Hufen den trockenen Sand des kleinen Tales um, das die Menschen hier Sünderloch nannten. Der Anblick abgeschlagener Körperteile verzerrte augenblicklich ihren Blick.
Zwei der sieben Wagen waren umgestürzt, mehr als ein Dutzend Leichen lagen hier umher, die meisten verstümmelt. Aber unter den Toten wähnte Ludwig wenigstens fünf Wegelagerer.
»Wohin sind die geflohen?«, fragte er den Kaufmann, der um seine erschlagenen Knechte weinte und der von dem plötzlichen Auftreten Ludwigs beinahe ebenso erschrocken herumfuhr: »Dort hinein... dort in den Wald... mit den christlichen Schwestern, die sich uns anschlossen, um sicher zu reisen...«
»Ihr beide folgt mir!«, ordnete Ludwig an und meinte damit zwei bewaffnete Knechte des Kaufmanns, die von der Autorität des ihnen Fremden so überwältigt waren, dass sie ohne Umschweife auf die Pferde sprangen und dem Grafen hinterdrein ritten.
Bald schon verschwanden ihre Pferde im dichten Blattgestrüpp des südlichen Waldes. Doch lange mussten sie dem Tierpfad nicht folgen, denn der führte sie schon nach wenigen Augenblicken auf eine Lichtung. Zwei der Frauen gerieten beinahe unter die Hufe der Pferde, als die Reiter im Zorn heranpreschten, aber die waren schon tot. Ihre nackten Körper waren seltsam verkrümmt, ihre Schädel eingeschlagen...
Ludwig sprang aus dem Sattel und hatte Mühe, sein vom Dreck verkrustetes Schwert zu ziehen. Konrads zog schnell einen Pfeil auf die Sehne und schoss den in einen herantürmenden Büttel. Drei Wegelagerer, die sich um die dritte Frau gekniet hatten, flüchteten bei dem Anblick der Fremden ohne Beinkleider in das Unterholz, wo sie von Ludwigs Männern zu Fuß verfolgt wurden. Der letzte der verbliebenen Büttel lag immer noch zwischen den gewaltsam geöffneten Schenkeln einer jungen Frau und biss unablässig in ihre Brüste. Der war so im Wahn, dass er die veränderte Situation um sich herum nicht mehr mitbekam.
Ludwig riss den Kopf des Mannes hoch und schnitt ihm mit der Schwertklinge über die Kehle. Er empfand weder Mitleid noch Wut. Der Kerl hätte sowieso den Weg zum Henker antreten müssen, aber hier war Ludwig die Gerichtsbarkeit.
Als Konrad hinzutrat zogen sie gemeinsam den röchelnden Kerl vom Leib der Frau. Dann tötete Konrad den Mann mit einem gezielten Stich  ins Herz und ließ ihn hinfort schleifen.
Ludwig war von dem Anblick der jungen Frau fasziniert. Die nackte Angst des Todes sah er ihn ihren starren Augen, aber an dem Heben und Senken ihrer Brüste erkannte er, dass da noch Leben war. Er riss einem umstehenden Bewaffneten den Umhang von der Schulter und bedeckte ihre Blöße.
»Deine Marter ist vorbei, ich bin Ludwig, Graf von Vaduz«, sagte er mit bebender Stimme, weil ihn nun auch das Grauen seiner eigenen Tat erfasst hatte.
Er schätzte sie auf Sechzehn und sie hatte einen stumpfen Ausdruck in den Augen, den Ludwig nur bei den Pestkranken gesehen hatte, die lebendig verfaulten, wie sein Vater, seine Mutter, seine Schwester...
Plötzlich öffnete sie den Mund und ihre Lippen schienen Worte formen zu wollen. Die rehbraunen Augen begannen zu weinen und Ludwig beugte sich über sie, um den schwachen Worten zu lauschen. Er verstand kaum einen Laut.
»Sie ist Böhmin«, sagte er darum, als Konrad sich niederkniete und der Frau seine flache Hand auf die Stirn legte. Der Jäger war auch Heilkundiger. Und wenn jemand die Schwelle zischen Leben und Tod erkannte, dann er.
»Wir nehmen sie mit auf die Burg«, lege Ludwig fest.
Der Jäger fühlte den Puls an der Halsschlagader: »Länger würde sie auch nicht durchhalten...«
»Die Opfer des Überfalls begraben wir auf dem Burgfriedhof, die Büttel selbst werden zum Verfaulen an die Bäume des Weges gehängt«, befahl Ludwig nun seinen Männern. Und die verloren keine Zeit, um den Worten des Grafen Taten folgen zu lassen.
Und als sein Blick wieder auf die Frau fiel, die Konrad nun auf den Armen trug, um sie aus dem Walde zu bringen, bemerkte er wohl die Schönheit dieses weiblichen Wesens.
»Gott möge sie mir gesund machen, sonst muss ich den Rest meines Lebens in diesen Wald reiten und bittere Tränen vergießen.«
»Es ist keine Schwäche, um ein Geschöpf Gottes zu weinen«, erwiderte der Jäger nur.
Die Worte rissen Ludwig wieder aus seinem sentimentalen Nachsinnen.
»Manchmal weiß ich nicht, ob du nun zum Krieger oder zum Magister geboren bist. Du würdest auch einen vortrefflicher Priester abgeben, Konrad.«
Und weil der ihm keine Erwiderung entgegenbrachte, fügte der Graf an: »Wie kann Gott in nur einem Menschen so viele Fähigkeiten vereinen, wenn er sie doch bei anderen gänzlich missen lässt?«
Aber auch darauf antwortete Konrad nicht.

 

 

2.

Langsam ratterten die Wagen der Kaufleute, die nun auch die Verletzten beförderten, über die schmalen Wege hoch über dem Rhein auf die Burg Vaduz zu. Niemand sprach ein Wort. Zu viel Grauen hatten sie alle in den letzten Augenblicken erleben müssen, denn auf Befehl des jungen Grafen wurden zwei weitere Büttel, die seine Männer ergreifen konnten, an einer Eiche aufgehängt. Die jungen Kerle sträubten sich und mussten erst durch dumpfe Schläge ihrer Gegenwehr beraubt werden.
Diejenigen, die das Leid über andere bringen, klagen dann am lautesten, wenn die Strafe Gottes sie selbst erfasst. Wie oft hatte Konrad, der erfahrene Jäger und Krieger des alten Grafen, das bereits erfahren? Darum riet er nun dessen Sohn, hier keine Gnade zu gewähren. Auge um Auge, sonst verkommt das Land. Milde schürt allein das Verbrechen, und ein Fürst, der keine Ordnung hält, kann seinen Untertanen kein gerechter Herr sein.
All diese Worte hörte Ludwig nicht zum ersten Male, doch sie milderten das Würgen, das ihm überkam, als er die Aufgeknüpften zappeln sah. Er starrte die an, bis nicht nur alle Flüssigkeit aus denen entwichen war, sondern auch das Leben.
Die Leichen ihrer Bandenmitglieder hängten sie daneben. Dort würden die nun verfaulen und ihre bleichen Knochen wohl noch so manchen Reisenden erschrecken und manchen Wegelagerer eine Warnung sein! Und wenn nicht, würde Ludwig sie jagen lassen, um sie ebenso an diese Stelle des Weges aufzuknüpfen. Die Rolle des Fürsten hatte er schnell angenommen. Jetzt, wo alles über ihn hereinbrach.
Vor zwei Jahren verunglückte Ludwigs älterer Bruder tödlich bei der Jagd. Eine Wildsau rammte ihm die Hauer in die Rippen, dass er innerlich verblutete. Da ließ sein Vater ihn von der Domschule Chur abholen, weil er nun der Erbe sei und statt der septem artes liberales, der sieben freien Künste, erfuhr Ludwig nun das Kriegshandwerk. Da war er Fünfzehn.
Obwohl es üblich war, die Grafensöhne bei einem fremden Ritter ausbilden zu lassen, ließ Ludwigs Vater davon ab. So wurde der Junge am eigenen Hofe durch des Grafen Schwerträger Konrad ausgebildet, was auch Ludwig selbst angenehm erschien, da er so durch den Hofkaplan Martin das Quadrivium fortführen konnte, und in Arithmetik, Geometrie, Astronomie und Musik weiter unterrichtet wurde, was dem Grafen weniger gefiel.
Ludwig aber liebte das Spielen mit den Zahlen: das Summieren, das Erzeugen von Produkten durch das Multiplizieren und auch die Mengenlehre. All das gab ihm eine Vorstellung vom göttlichen Sein, von der Vielfalt der Dinge.
Schon während des Triviums, der Unterrichtung in Grammatik, Rhetorik und Dialektik war er ein ehrgeiziger Schüler. Hier liebte er das Zusammenformen von Wörtern, um neue zu bilden. Versuchte unentwegt, die Handlungen der Vernunft im Einklang mit dem göttlichen Willen zu erklären.
Aber dann musste seine Hand das Schwert führen lernen, die Lanze halten, den Schild benutzen, das Beil führen. Und diese Waffen waren unheimlich schwer. Ludwigs schwacher Körper wurde durch dauernde Leibesübungen geformt und gehärtet, dass es ihm später keine Last war, Schwert schwingend im Sattel zu sitzen. Auch das freihändige Reiten lernte er schnell, ebenso wie das Bogenschießen. Nur die Jagd hasste er. Ob es daran lag, dass sein Bruder dabei zu Tode kam und sich damit auch sein Leben schlagartig veränderte, vermochte er nicht zu sagen. Er mochte die Jagd nicht, darüber nachzusinnen, lag ihm jedoch fern.
Der Bergfried der Burg tauchte nun plötzlich hocherhoben in der Ferne auf. Der Schlamm war an der Kleidung getrocknet und Ludwig fühlte sich lebendig einbalsamiert und warf einen flüchtigen Blick auf den bewaldeten Triesenberg, aus dem eine Rauchseule aufstieg.
 »Sicherlich ein Haufen dreister Bauernstrolche, die das Wildbrett des Grafen braten«, sagte Konrad, der den Blick Ludwigs aufgefangen hatte.
»Dann sollten wir den Dörfern westlich des Berges bald einen ehrwürdigen Besuch abstatten, um sie an das Wildgesetz zu erinnern«, antwortete Ludwig in der tyrannischen Pose eines Fürsten.
»Aber nicht in dem Aufzug!«
Der junge Graf sah sich nach Konrad um und lachte: »Vielleicht garen sie auch nur eine Wildsau, die sie mir zum Mahl auf die Burg bringen wollen?«
»Ich mache mir ernsthaft Sorgen um Euch, Herr. Ihr seht zuerst das Gute im Menschen, aber der Mensch ist nicht gut. Jeder sieht nur zu, dass er seine eigene Seele rettet. Seht lieber immer zuerst das Schlechte, dann kann Euch niemand enttäuschen.«
Ludwig ritt einen Bogen und kam so direkt an die linke Seite Konrads. Der alte Jäger, der Kampfgefährte seines Vaters, dessen von der Sonne gegerbtes Gesicht durch zahlreiche Narben gekennzeichnet war, grinste durch zwei Zahnlücken. Ein dicker grauer Zopf hing ihm über den Lederwams.
»Du bist aber nicht so, dir kann ich trauen, du warst immer ehrlich zu mir«, sagte Ludwig.
»Ich bin ein schlechtes Beispiel, von der Treue verdorben für den Verrat - wer zu lange einem Herrn dient, verwächst mit dessen Taten, sie werden so zu den eigenen.«
»Dann werde ich mich zukünftig nur noch mit schlechten Beispielen umgeben, denn Treue ist das einzige, was ich verlange. Die steht für mich vor dem Tod.«
Konrad nickte nur. Sie hatten den Platz vor der Burg erreicht. Die Wachmannschaft trat aus dem Tor, um den jungen Herrn zu empfangen.
Ludwig überließ es dem Hofkaplan Martin, sich um die Unterbringung der Gäste und Verwundeten zu kümmern. Schnell entledigte er sich des Waffengurtes und überließ Konrad die Sorge um das Reinigen von Waffen und Geschirr.
Über einen Nebeneinlass gelangte er direkt in die Waschstube, wo er schon von Alfred erwartet wurde. Sein Leibdiener hatte einige Scheite Holz entzündet, und die Hitze um den Waschbottich ließ Ludwig sofort den Schweiß auf die Stirn treiben. Er riss sich den verdreckten Lederrock von der Hüfte und ließ sich dann von Alfred gänzlich entkleiden. Er stieg in den hölzernen Bottich hinein und sank herab, bis nur noch sein Kopf herausragte.
»Habt Ihr noch einen Wunsch, Herr?«
Ludwig antwortete nicht sofort, er schöpfte sich mit den Händen das warme Wasser übers Gesicht.
»Für den Augenblick nicht, Alfred«, sagte er dann, »aber gebt meine Kleidung nach der Reinigung einem Bettler. Ich will sie nicht mehr tragen.«
»Wie Ihr wollt, Herr!«
Dann war Ludwig endlich allein. Aber seine Gedanken blieben noch einen Augenblick bei Alfred. Eigentlich sollte ein junger Herr sich auch einen jungen Leibdiener zulegen, dachte er, aber verwarf den Gedanken sofort wieder. Alfred hatte die Pest ebenso überlebt, und das trotz des engen Kontaktes zu seinem Vater. Das konnte auch ein Zeichen sein. Ludwig hatte gelernt, auf Zeichen des allmächtigen Gottes zu achten.
Dann dachte er an das schöne Mädchen, das er auf die Burg bringen ließ – die Böhmin. Er hatte noch nie ein schöneres Mädchen gesehen. Noch im letzten Sommer hatte er mit den Jungen des Dorfes die Badestelle der Mädchen ausspioniert. Er wollte schließlich wissen, woran er sein würde, wenn er sich mit einer der Tänzerinnen nach dem Erntefest im Heu vergnügte. Und tatsächlich war es dann so dunkel, dass er ihre Schenkel und Brüste nur ertasten, nicht aber sehen konnte. Zum Glück hatte er Marie öfters beim Baden belauscht. Sie starb im Frühjahr, da war die Pest aber schon abgeklungen. Die Leute sagten, sie hatte die Ruhr.
Aber die Böhmin war unbegreiflich schön, dachte er wieder. Wie sie so da lag...geschändet von einem...
Ludwig wurde wütend. Und nun bereute er auch, das eigene Schwert nicht durch den gesamten Körper des Büttels getrieben zu haben. Der Kehlschnitt war eine Gnade, die diesem nicht zustand.
Aber als er sich die zartrosa Spitzen ihrer Brüste in Erinnerung rief, entspannten sich seine Muskeln wieder und er schloss zum Träumen die Augen. Und beinahe wäre er eingeschlafen, aber als Alfred mit frischer Kleidung hineintrat, fuhr er erschrocken hoch.
»Verzeiht, Herr, aber ich hatte geklopft.«
»Schon gut!«
Ludwig entstieg dem Trog und ließ sich ein gebleichtes Tuch umlegen.
»Ich schaffe das schon selbst, Alfred! Du kannst dich entfernen, aber sage Konrad, dass ich das Kurzschwert mit dem silbernen Löwen auf der Scheide anlegen will.«
Der Leibdiener wiederholte die Worte und verließ seinen Herrn.
Ludwig trug nun über die engen Beinkleider aus rotgefärbten Leinen ebenso rotgefärbte Lederstiefel. Die schneeweiße Tunika mit dem Familienwappen hing ihm beinahe bis zu den Knien herab, war jedoch beidseitig bis zur Hüfte geschlitzt.
Darüber schnallte er dann den Waffengurt, den Alfred gerade auf seinen ausgestreckten Händen herangetragen hatte.
»Kündige unseren Gästen schon mal meine Aufwartung an«, trug er nun seinem Diener auf. Dann verließ er die Waschstube und schritt kurzen Weges in den Gesindetrakt. Als er die Tür zum Lazarett betrat, erlaubte er durch eine Handgeste, dass die Kräuterfrau sich nicht für ihn erhob, sondern in ihrer Fürsorge um die Verwundete fortfuhr.
Ludwig trat an das Lager der böhmischen Schönen. Sie schlief.
»Hat sie ihren Namen genannt?«
Die Kräuterfrau schüttelte mit dem Kopf: »Sie sprach kein einziges Wort.«
»Sind ihre Wunden schlimm?«
»Äußerlich nicht, aber die an der Seele sind wohl schlimmer, als Ihr Euch diese vorstellen könnt.«
Und das konnte Ludwig in der Tat nicht, deshalb beließ er es dabei, mit der Hand über den Haarschopf des Mädchens zu fahren.
»Wirst du sie heilen?«
»Wenn Gott es will.«
Ludwig nickte, aber das war für ihn keine Antwort. »Ich will es auch«, sagte er darum bestimmter.
»Herr, ich muss mich auch um die anderen kümmern.«
»Du wirst dich nur um sie kümmern, für die anderen bekommst du Hilfe.«
»Wenn Ihr das wollt, Herr.«
»Genau das will ich so!«
Dann trat Ludwig an das Bettlager jedes Verwundeten und fragte nach der Schwerer der Verletzung. Und bereitwillig zeigte jeder dem Grafen die offenen Schnitt- und Hiebwunden, die sie durch den Überfall erlitten hatten und die bisher nur notdürftig versorgt wurden.
»Ihr habt diesen Bütteln eine gerechte Strafe angedacht, Herr, sie mögen an ihren Stricken verfaulen, bis zum jüngsten Tage«, bemerkte ein älterer Kutscher und die anderen stimmten dem zu und lobpreisten den Einsatz des Grafen von Vaduz für ihr eigen Leib und Leben.
»Ich bin der Herr hier über das Land bis Konstanz. In meiner Grafschaft werde ich die Wegelagerei immer bekämpfen«, antwortete Ludwig nur und erhielt dafür wieder den Beifall der sieben Verletzten aus dem Kaufmannszug.
Als er nur wenige Augenblicke später den Rittersaal betrat, erstarrte das Palaver der Anwesenden.
Die Kaufleute hatten sich heftig über ihre Verluste gestritten und machten sich gegenseitig Vorwürfe der Unachtsamkeit; aber als Ludwig die Schwelle betrat und von Alfred als Herr von Vaduz benannt wurde, zogen allesamt ihre wertvollen Hüte von den verschwitzen Köpfen.
Derweil war auch die Tafel angerichtet und Ludwig bat nun die Anwesenden in den Speisesaal, den er bei Besuch immer herrichten ließ, da die Burgküche direkt im Untergeschoss lag.
In dem Augenblick trat der Meldereiter an ihn heran und übergab ihm einen versiegelten Umschlag. Das Siegel erkannte der junge Graf sofort.
»Der König hat eine Botschaft für mich, und du trödelst mit der Zeit, dass derweil die Sonne versunken ist!«
»Verzeiht, Herr, aber Euer Aufzug zuvor schien mir der Übergabe nicht würdig«, bekam Ludwig kleinlaut zur Antwort.
Der Graf beließ es dabei.


3.

Die Lichter im Speisesaal brannten heute länger als sonst. Und jetzt, wo das Tor verschlossen war, wachten nur noch vier Mann über das Wohl der Burg.
»Hoffentlich schmeißt unser Herr die ganze Mischpoke morgen wieder raus? Die Saufen und Dummschwätzen nur...«
Manfred starrte wieder zu den beleuchteten Spitzfenstern herüber. Sein Kopf ruhte auf den gefalteten Händen, die ihrerseits ruhend auf der Spitze des Langbogens verweilten.
»Am liebsten würdest du wohl einen Pfeil durch die Fensteröffnung jagen?«
»Bist du noch bei Sinnen? Könnte doch unseren Herrn treffen!«
Eine Weile blieb nun auch Wolfram wie angewurzelt stehen und blickte hinüber. Aber nur Wortfetzen konnten sie hören.
»Lass uns auf den Ostgang zurückkehren, du verstehst doch eh nichts«, sagte er dann. Aber Manfred wollte noch nicht aufgeben. Er spitzte die Ohren wie ein Fuchs.
»Will nur wissen, ob sie darüber reden«, bemerkte er.
»Worüber?«
»Über den königlichen Brief.«
Wolfram starrte nun seinen Kameraden an, wie den Leibhaftigen.
»Still...«, zischte Manfred und unterband die nächste Frage. Dann aber klopfte er Wolfram plötzlich auf die Schulter, und die Wächter fuhren darin fort, den Wehrgang der Burg abzuschreiten. Am Ende des östlichen Ganges würden sie auf die beiden anderen Wachen treffen.
Die Burg war als Kastell gebaut, mit einem kleinen Innenhof und einem hochaufragenden Bergfried. Jede Ecke des Kastells war durch einen Wehrturm befestigt. Am Tage hielt sich die Wache nur auf dem Bergfried und am Tor auf, aber in der Nacht umgangen sie die Wehrgänge der äußeren Burgmauer. Diese umschloss das gesamte Kastell und konnte über vier Zugbrücken erreicht werden. In dem äußeren Hof, zwischen Kastell und Burgmauer, befanden sich vorwiegend die Stallungen der Pferde und auch die Burgschmiede. Im Südflügel des Kastells waren die Burgkapelle und der Speisesaal mit Küche und Gelass untergebracht. Der Rittersaal mit den herrschaftlichen Stuben lag im Ostflügel.
Und auf die dunklen Spitzfenster des Rittersaales fiel nun auch der Blick Manfreds, als er vom Schmied erzählte, der das Pferd des Meldereiters beschlagen hatte. Der Schmied wiederum erzählte, dass er einen königlichen Brief an den Grafen von Vaduz übergeben sollte.
»Was kann das bedeuten?«, fragte Wolfram.
Manfred zuckte mit den Schultern: »Ein Sicherungsauftrag, ein Geleitschutz, eine Beherbergung...
Man kann nie wissen, wonach dem König der Sinn steht.«
»Bloß keine Beherbergung«, stöhnte Wolfram sofort auf, »mir genügen die Pfeffersäcke schon. Dann schon lieber ein Sicherungsauftrag.«
Manfred lachte höhnisch: »Glaubst du, das Wacheschieben ist anderswo erträglicher? Immer dasselbe, tagein tagaus... und jedem Edellump den Diener machen. Zum Teufel damit!!!«
Beide bekreuzigten sich sofort nach dem derben Fluch und sahen kurz zum verdunkelten Himmel hoch.
»Was schwebt dir denn vor?«, fragte Wolfram dann leise.
Manfred grübelte ein wenig und kniff dabei die Augen zusammen, was aber Wolfram wegen der Dunkelheit nicht sehen konnte.
»Mein Vater, Gott behüte seine Seele, war in jungen Jahren als Waffenknecht mit dem alten Grafen auf dem Kreuzzug gegen die Osmanen.«
»Gegen diese Höllenhunde?«
»Ja gegen diese«, hob Manfred seine Stimme wegen der Unterbrechung. »Und die Abteilung des Grafen kam dabei heftig unter das Messer, sie hatten weitaus mehr blutende Wunden als sie den Osmanen schlagen konnten. Sie verloren jeden zweiten Mann.«
Manfred machte eine Pause, weil er die Worte auf sich selbst wirken lassen wollte. Wolfram wagte es dieses Mal nicht, ihn zu unterbrechen, obwohl ihm eine Frage auf der Zunge lag.
»Trotz des grauenhaften Schlachtens hatte mein Vater den Rest seines Lebens nur von diesem Zug gegen die Osmanen gesprochen. Das hatte sein Leben verändert. Es war die Nähe zu Gott - das Streiten für die gerechte Sache - ein Gottesstreiter zu sein.«
Manfred unterbrach sich kurz selbst, um sich zu räuspern.
»Ja, das waren seine Worte«, sprudelte es dann förmlich aus ihm heraus. »Gottesstreiter! Junge, wir waren Gottesstreiter, hatte er immer gesagt. Denn sie kämpften für Gott, der ihnen die himmlischen Heerscharen unter Führung des Heiligen Georgs zur Seite stellte... weiße Ritter auf weißen Pferden... ja, das waren seine Worte. So sah er sie...«
»Die Osmanen?«
»Die himmlischen Heerscharen, du Holzkopf!«
»Sprach er nie von Jesu, unseren Heiland?«, bemerkte Wolfram etwas bekümmert.
»Nein, er sprach nur von den himmlischen Heerscharen und dessen Führung durch den Heiligen Georg.«
Manfred grübelte.
»Manchmal sprach er aber auch von den fränkischen Abteilungen, deren Ritter behaupteten, dass ihnen der Erzengel Michael die himmlischen Heerscharen anführte. Nein, von Jesu sprach er in diesem Zusammenhang niemals.«
Beide schwiegen eine Weile.
»Wenn unser Herr Graf solch einen Auftrag erhielte, da wäre ich dabei. Gottesstreiter sein, so wie mein Vater... Und dann könnte auch ich davon meinen Kindern berichten.«
»Du musst erst mal welche haben!«
Wolfram war achtzehn. Manfred aber bereits Einundzwanzig, da hatten die Bauernjungen in den Dörfern bereits ihr Liebchen geheiratet.
»Und warum glaubst du, dass der Graf gerade dich mitnimmt?«
»Weil ich der beste Bogenschütze bin, das kann dir Konrad bestätigen«, entgegnete Manfred schlagfertig.
Wolfram dachte an das Turnier im letzten Herbst, wo Manfred klarer Sieger im Bogenschießen und im Lanzenwurf wurde. Nur im gezielten Beilwurf und im Schwertkampf war der junge Graf der beste Kämpfer.
Da fiel Manfred plötzlich noch was ein: »Mein Vater erzählte dann auch, dass der alte Graf ein Drachenritter war.«
»Ein Drachenritter?«
»Ja, so nannte er diesen Orden, den der König Sigismund gegründet haben soll.«
Und wieder schwiegen sie beide. Ihre Blicke schweiften über die Brustwehr in das Dunkel der Nacht, über die noch dunkleren Kronen der Bäume auf dem Kamm.
»Es gibt aber einen Grund, warum der junge Graf auch mich mitnehmen wird«, sagte Wolfram dann plötzlich.
»Da bin ich aber gespannt drauf!«
»Na, ich habe genauso langes Haar wie der Graf selbst. Und von Konrad weiß ich, dass der Graf Krieger mit langen Haaren bevorzugt, weil sie die Wildheit unserer Ahnen verkörpern.«
»Du und wild, wie soll das aussehen, he?«
Im Nu hatte Wolfram sein Messer gezogen und schnitt Manfred den Köcher vom Waffengurt, dass die Pfeile sich polternd über den Wehrgang verteilten und einige in den Hof fielen.
»Ein Bogenschütze ohne Köcher, ist wie ein Weib ohne Brust«, kicherte er und hätte sich wohl von Manfred augenblicklich eine eingefangen, wenn nicht Konrad plötzlich erschienen wäre, um seinen Abendrundgang zu machen.
»Nennt ihr das Wachdienst!? Palavern könnt ihr in der Freiwache«, fuhr er sie an. Dann trat er auf die Pfeile, die nun unter seinen Stiefeln knackten.
»Seid ihr verrückt, oder habt ihr Wein getrunken?«, brüllte er  sie zornig an.
»Keinen Schluck«, beteuerten beide.
»Eure Freiwache wird ausfallen, ihr werdet euch stattdessen in der Schmiede melden. Ist das klar!?«
Beide nickten.
»Räumt gefälligst auf hier! Und dann will ich euch nur noch laufen sehen!«
Konrad konnte sich nur schwer wieder beruhigen, wenn ihn was aufregte. Als sie ihn schon lange nicht mehr sahen, hörten sie immer noch sein Fluchen.
»Der Graf wird wohl keinen von uns mitnehmen«, sagte Wolfram leise, als er sich bückte, um die ungebrochenen Pfeile aufzuheben, die Manfred dann wieder in den Köcher tat.
    


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