Johann hatte
die große Kutsche
schon hergerichtet und alles Notwendige verladen, außer den Gewehren,
die jeder
der Herren selber tragen wollte. Auch das Schaf hatte er schon auf dem
Kofferträger sorgsam verladen.
Hans Edler wartete auf die Herren Pingel. Er hatte seinen
Jagdhund
Wotan an der Leine und sein Gewehr geschultert. Von
dieser
Position aus ließ er seinen Blick im Halbrund über das Anwesen
streichen. Hier
kann man leben, dachte er.
Die Familie Pingel war in ganz
Adamswalde und auch
darüber hinaus bekannt, allerdings waren die
Brüder Hans und Albert in der Öffentlichkeit nicht gerade redselig.
Daher
wusste man über die Familie so gut wie nichts zu berichten, außer dass
sie
Großbauern waren, Gutsherren also, mit reichlich Ackerfläche und Vieh.
Die Pingelbrüder sind ihm während der Schulzeit deshalb
auch nicht weiter aufgefallen. Das änderte sich erst mit den
Erntefesten, wo
jeder Halbwüchsige nach den Mädchen zu schauen begann. Wo jeder mit der
Erntekönigin tanzen wollte. Wo jeder auf ihren Kuss hoffte. Erst da
fielen sie
ihm eigentlich auf. Nicht, dass sie besonders schön und gebildet waren.
Nein, da
konnte er mithalten. Aber es war wohl ihr Wohlstand, der sie immer die
Königin
kriegen ließ. Mit keinem tanzte sie so oft, wie mit einem der
Pingelbrüder!
Das störte Hans Edler nicht, da gab es doch genug andere
Mädchen. Aber es war eben der Zeitpunkt, wo sie ihm aufgefallen waren.
Er stand noch nie hier. Wie gern würde er einmal ins Haus
schauen. Vielleicht, wenn die Jagd erfolgreich war, der Hausherr zum
Umtrunk
einlud?
Hans Edler beneidete sie nicht. Sein Vater war
Revierförster. Und solange der das blieb, sollten sie das komfortable
Forsthaus
bewohnen. Vielleicht würde Hans eines Tages die Stelle übernehmen,
darüber
geredet wurde schon. Und in den Wald ging er erstmals mit Sieben, als
ihn sein
Vater zur Jagd mitnahm. Das tat der dann regelmäßig, natürlich nur,
wenn
schulfrei war. Für Hans leider viel zu selten.
Jetzt strich er sich das gescheitelte Haar zurecht und
spähte zur Tür. Wann kommen die denn? Der alte Pingel wollte doch, dass
ich
pünktlich bin!
Sein Hund begann unruhig zu werden. Hans kniete nieder
und streichelte dem Münsterländer den Kopf, dass die langen
Schlappohren
wackelten.
»Na, hast du sie schon gerochen? Sagte da nicht mal
jemand, Geld stinkt nicht? Was meinst du dazu,
Wotan?«
Die Antwort des Hundes blieb aus. Dafür kamen fünf, in lange
Mäntel gehüllte, Gestalten die Treppe herunter, angeführt von Johann.
Und als Hans Edler sich aufrichtete, um Pingel und seine
Söhne zu begrüßen, blieb ihm fast die Spucke weg: »Herbert Bründel?!«,
war
zunächst alles, was über seine Lippen kam.
Herbert ist einer seiner besten Freunde aus der Schulzeit
gewesen, aber durch dessen Eintritt in die Armee hatten sie sich vor 4
Jahren
aus den Augen verloren. Nun war der stattliche junge Mann der Größte
von ihnen
allen, und über der Schulter trug der ein schwarzes Lederholster, das
allerdings unten aufgeschnitten war und so der Lauf eines sehr langen
Gewehres
zum Vorschein kam.
Hans Edler war verblüfft und fasziniert zugleich! »Was
hast du damit vor?«, fragte er nur.
»Damit wird Herbert den Bären umlegen«, antwortete Pingel
anstelle des Angesprochenen, »er ist schließlich ein Musketier des
Kaisers!«
»Aber ich dachte, du wärst Fahnenjunker?«
»Auch ein Fahnenjunker hat eine militärische Funktion,
Hans«, kam Herbert dem alten Pingel diesmal zuvor und reichte dem Sohn
des
Revierförsters die Hand zu Begrüßung.
Der Händedruck war stark und hielt lange an. Daran merkte
Hans Edler, dass Herbert sich freute, ihn wieder zu sehen.
»Na los, Jungs, macht nicht so viel Aufhebens um eure
Begegnung, wir müssen vom Hof!«, kommandierte Christian Pingel. Und
ohne
weitere Worte zu verlieren nahmen die Männer ihre Plätze ein und Johann
brachte
den Zweispänner in Bewegung. Hans Edler hatte auf dem Kutschbock Platz
genommen, sein Hund legte sich zu den Füßen der Insassen
und bekam dort reichlich Streicheinheiten.
Johann kannte den Weg. Gerade erst vor drei Wochen hatten
sie eine ähnliche Unternehmung gestartet, den wildernden Bären zu
erlegen, aber
da ging wirklich alles schief, was nur schief gehen konnte: Das
Beutetier lief
davon, der Bär wurde durch keinen der Schüsse getroffenen, der
Revierförster
stolperte bei der Hetzjagd über eine Astgabel und brach sich das
Wadenbein!
Herbert sah auf die Uhr, es war jetzt zehn Minuten nach
Fünfzehn Uhr. Ein Gänseschwarm zog über das Weideland hinweg und machte
ein
Geschrei, wie eine ganze Schulklasse am ersten Tage. In den Mulden des
Ackerweges war immer noch Wasser vom nächtlichen Regen, der kurz und
kräftig
niederging
»Warum das Gewehr im Uhrkasten?«, fragte Herbert
plötzlich.
»Ach, Junge! Wir haben nachher genug Zeit für
Unterhaltung. Lass mich noch etwas schlummern, der Tag wird lang genug!«
Christian Pingel hatte die Augen geschlossen, seine Söhne
taten es ihm gleich, auch
Wotan. Und Herbert hoffte, dass
Johann das
nicht auch tat.
Dann lehnte auch er seinen Kopf an das Lederpolster und
schloss die Augen, um sich zu erinnern. In seinen Gedanken war Maries
Körper
noch sichtbar. So sichtbar, dass er beinahe ihre Haut riechen konnte.
Gegen Ein
Uhr letzte Nacht kam sie in das Besucherzimmer geschlichen und blieb
bis drei
Uhr. Er hatte schon geschlafen, aber als sie die Bettdecke anhob und
sich an
seinen Körper schmiegte, war er sofort wach – und wie!
Zuerst verlor er sich in ihren Brüsten... dann ganz in
ihr! Und sie begann schon bald so heftig zu atmen, dass Herbert ihr die
Hand
auf den Mund legte. Noch durfte die Familie es nicht wissen, noch hatte
er
nicht gefragt!
Aber Marie störte das nicht. Sie klammerte ihre Schenkel
um seine Hüfte und ließ keinen Daumbreit seines Körpers unberührt. Ihre
Zuckungen
wurden immer heftiger und als die Spitzen ihrer Brüste abwechselnd in
Herberts
Mund verschwanden, war sie völlig von Sinnen und stöhnte ihre Liebe in
die
Stille der Nacht.
Herbert war danach etwas verstört, weil er nicht glauben
wollte, dass sie niemand gehört hatte. Warum nehmen die Frauen immer
alles so
einfach?, fragte er sie. Aber sie verwuschelte nur sein Haar und
antwortete
lakonisch: Weil ihr Kerle schon alles so kompliziert macht!
Johann hatte die Kutsche durch eine tiefe Mulde gefahren.
Der Ruck riss nicht nur Herbert aus seiner Grübelei, sondern ließ auch
den Rest
der Besatzung hochschrecken. Die Uhr war fünf vor Vier am Nachmittag.
Die
Weideflächen hatten sie längst hinter sich gelassen und nun den
ausgedehnten
Wald der Masuren unmittelbar vor Augen. Hier endete ihre Fahrt, ab nun
ging es
noch eine halbe Stunde zu Fuß weiter.
Hans Edler ließ seinen Hund los, der sofort in den Wald hetzte,
um Witterung aufzunehmen. Die Männer schulterten die Holster mit den
Gewehren
und auch die Lederbeutel mit den Utensilien. Hans Pingel führte das
Schaf am
Strick, das hier und da an den Blättern des Pfades zupfte. Es ahnte
nichts von
seiner Bestimmung. Aber wenn alles glatt lief, würde es ebenso
unversehrt
zurückkehren, wie all die Jäger. Morgen Mittag sollte Johann mit der
Kutsche an
der verabredeten Stelle erscheinen, dann wollten sie ihm das Fell des
Bären
zeigen. Für seine eigenen drei Jungen hatte er um drei Bärenkrallen
gebeten.
Nichts konnte einen Jungen mehr zieren, als die dolchartige Kralle
eines Bären
um den Hals zu tragen. Daran hatte sich nichts geändert.
Als der Pfad sich mit einem anderen kreuzte, war
Christian Pingel sich nicht mehr sicher, wo es weiterging. Doch Hans
Edler
vertraute da voll auf
Wotan, der immer voraus lief.
Als der aber plötzlich stehen blieb, seine Ohren anlegte
und unter Knurren die Zähne fletschte, ließ Herbert das Holster fallen,
lud das
Gewehr durch und hatte die Waffe bereits im Anschlag, als alle anderen
noch mit
dem Holster beschäftigt waren.
»Alle Achtung, Herbert, gelernt ist gelernt.«, sagte
Christian Pingel, aber überraschen tat ihn das nicht, denn das hatte er
schlichtweg auch von ihm erwartet. Darum war er hier!
Im Unterholz knackten Äste, und nun war auch Hans Edler
an der Seite Herberts und sicherte ihn nach hinten ab. Die Geräusche
kamen von
beiden Seiten des Pfades. Die Pingelbrüder nahmen ihren Vater in die
Mitte, der
bis auf den Hirschfänger unter seinem Mantel unbewaffnet war. Sie alle
verharrten wie erstarrt, die Läufe der Gewehre auf das dichte Grün des
Waldes
gerichtet. Wartend, dass jeden Augenblick ein braunes Monstrum
herausbrechen
würde.
Doch das Denken kehrte auf den ersten Schrecken schon
bald zurück. Höchst ungewöhnlich, dass gleich zwei Bären sie belauern
sollten,
dachte wohl einjeder.
»Wahrscheinlich Rotwild«, flüsterte Hans Edler.
»Na los, Herbert, du wolltest die Waffe sowieso
ausprobieren«, sagte Christian Pingel gedämpft und nickte voraus auf
den Pfad.
Das saß nun ein ordentliches Exemplar von einem Waldhasen und beäugte
die
Männer.
»Du denkst doch nicht, dass der das war?«
»Natürlich nicht! Aber schaden kann es auch nicht, wenn
wir dem Bären auch noch einen blutenden Köder anbieten.«
Herbert schwenkte sekundenschnell die Waffe herum, dann
verharrte er zwei Sekunden fürs Zielen, wobei er immer den Atem anhielt
und den
Kolben fest in die Schulter zog, um nicht zu verreißen. Kimme und Korn
auf
einer Ebene, nicht verkannten!
Ein Schuss peitschte durch den frühen Morgen. Der Hase
schlug einen doppelten Purzelbaum und blieb liegen. Dann brachen zwei
Hirschkühe
aus dem Dickicht hervor und flohen auf den Weg, den die Männer gekommen
waren.
»Guter Schuß, Herbert, ich will ab jetzt immer neben dir
gehen«, jauchzte Christian Pingel, aber das letzte Wort verschluckte er
fast in
einem Lachanfall.
»Jetzt weiß wenigstens auch die letzte Kreatur, dass wir
hier sind«, bemerkte Hans Edler weniger freundlich.
»Hab dich nicht so, das werden die schon wieder
vergessen«, bekam er daraufhin vom Alten auch prompt zur Antwort.
Als sie dann den Hasen betrachteten, konnten sie nicht
mehr viel davon gebrauchen, das Geschoß hatte das Tier regelrecht
zerfetzt.
»Wir sollten für den letzten Weg die Reste des Hasen verteilen«,
schlug Hans Edler vor und erntete vollständige Zustimmung.
Es war bereits siebzehn Uhr durch, als sie den
Unterstand
erreichten. Sie hatten länger getrödelt als geplant. Hans Pingel band
das Schaf
sofort an den Kiefernstamm, der gute zwanzig Schritt von den
Schießscharten
entfernt war.
Der Unterstand selbst war ein in die Erde versenktes
kleines Haus, was an allen vier Seiten Schießscharten statt Fenster
hatte. Das
Dach, was den Waldboden nur um einen halben Klafter überragte, war von
Moos
bewachsen und somit gut getarnt. Der Eingang war unter einer Klappe
verborgen,
die an einem der beiden kurzen Giebel verborgen war. Eigentlich war das
Ganze
ein luxuriöser Schützengraben, denn im Innern, wo die Jäger aufrecht
stehen
konnten, gab es an den Längsseiten zwei Holzbänke. Und auch ein Eimer
für die
Notdurft, wenn es denn nicht anders ging, war vorhanden.
Zunächst durchstreiften sie die nähere Umgebung, um sich
ein Bild vom Gelände zu machen. Wenn sie im Dunkel raus mussten,
wollten sie
wissen, wo das hier lang ging. Zudem wollten sie sich vergewissern, ob
die
Kratzspuren des Bären frisch waren.
Als die Männer und auch
Wotan dann in den Unterstand
herabgestiegen waren und sich auf die Plätze verteilten, ließ Christian
Pingel
seinen silbernen Flachmann kreisen und stimmte alle auf den
erfolgreichen
Ausgang der Jagd ein. Und dann war er auch bereit, Herberts Frage nach
dem
Gewehr zu beantworten.
»Immer, wenn ich dieses Gewehr sehe, muss ich an meinen
Bruder Herbert Pingel denken, was mich immer traurig macht. Daher
verbannte ich
es vor einiger Zeit in den ausgedienten Uhrenschrank und nahm es nur zu
seinem
Geburtstag heraus, um dann auf die Wiese zu gehen, es abzufeuern und
ordentlich
zu reinigen. Das habe ich aber nun auch schon drei Jahre nicht mehr
getan.
Natürlich nur das Hinausgehen und das Schießen, gereinigt habe ich es
trotzdem
an seinem Geburtstag.«
»Darüber haben wir nie gesprochen, wann war denn sein
Geburtstag?«, fragte Albert Pingel, der seinen Onkel nicht mehr gesehen
hatte
und dem die ungewohnte Redseligkeit seines Vaters verblüffte.
»Heute, mein Junge, heute am 16. Juni!«
Betretenes Schweigen kehrte augenblicklich ein, aber
bevor Christian Pingel melancholisch wurde, übernahm er schnell wieder
das
Wort: »Ich habe euch von Peter van Dyck erzählt, dessen Familie in den
Burenkriegen zu Tode kam. Der Bure war zu alt, eine neue Familie zu
gründen,
daher schloss er sich der deutschen Schutztruppe an und diente nun
unter meinem
Bruder Herbert, der Zugführer war. Die beiden wurden sogar Freunde, wie
ich aus
den späteren Briefen entnahm. Van Dyck schrieb, dass am 12. Januar 1904
die
zusammengerotteten
Herero damit begannen,
Farmen weißer Siedler zu überfallen. Das war für die Betroffenen die
schlimmste
Hölle! Den Farmern schnitten sie Nase, Ohren und Geschlechtsteil ab.
Einfach
so!
Und dass die Situation äußerst bedrohlich wurde, zeigte
die Tatsache, dass die
Herero auch
öffentliche Einrichtungen, wie Bahnhöfe und Brücken zerstörten, ja
sogar
Polizei- und Militärposten stürmten. Van Dyck hatte sehr ausführlich
darüber
berichtet. Er meinte, dass wenigsten 8000
Herero
und
Ovaherero und dann auch noch
andere Stämme, wie die
Owambos an den
Plünderungen beteiligt waren – insgesamt Zehntausend Krieger
Jedenfalls machte Generalleutnant von Trotha mobil, ließ
aus Europa Verstärkungen antanzen, und konnte so zunächst zwei
Feldregimenter mit
etwa 4000 Mann dagegen setzen. Der Kampf wurde für beide Seiten äußerst
verlustreich. Die Übermacht des Feindes war derart, dass sogar alle
Offiziere
und Regimentsschreiber in die Kampfront traten. Zu Dutzenden verlor die
Schutztruppe ihre Führungskräfte und konnte nur dank der Feldartillerie
und der
Maschinengewehre einen Totalverlust verhindern. Die aufständischen
Herero gerieten am großen
Waterberg
zwischen zwei, von ihnen
selbst eingekesselte, deutsche Einheiten, die sich in
Rundumverteidigung
befanden. Und die sie immer wieder bestürmten, weil die Deutschen nun
an den
Wasserlöchern saßen. Diese zu halten, oder zu verlieren, entschied hier
über
Leben und Tod! Mein Bruder Herbert, euer Onkel, fiel bei dem Kampf am
11. Juni
1904. Peter van Dyck überlebte und nahm meinem sterbenden Bruder das
Versprechen
ab, mir die Geschichte zu erzählen, was er in seinen Briefen sehr
ausschweifend
tat. Das Gewehr hatte er bereits dem ersten Paket beigelegt.«
Christian Pingel ließ nochmals seinen Flachmann kreisen,
damit jeder sich einen ordentlichen Schluck von dem edlen Weinbrand
einverleibte. Herbert glaubte, dass es schon die zweite Flasche war.
»Wie stark
war der Feind?«, fragte er dann. »Hat van Dyck darüber geschrieben?«
»So genau wusste das niemand, auch nicht van Dyck. Sie
gingen jedoch von zehntausend Kriegern aus, die mit modernen
Repetiergewehren
bewaffnet waren. Hinzu kamen ihre Frauen und Kinder, alles Volk soll
sich am
Waterberg versammelt haben, um die Tausenden geraubten Rinder zu
tränken. Weil
auch die deutsche Schutztruppe nicht ausreichend mit Wasser versorgt
war,
begann ein mörderischer Kampf um die Wasserlöcher. Und weil es den
deutschen
Abteilungen gelang, einige Wasserlöcher zu erobern, stürmten die
Herero immer wieder an, aber das sagte
ich ja schon.«
Christian Pingel nahm nun auch einen kräftigen Schluck
von dem Weinbrand. »Aber van Dyck schrieb etwas von einer Katastrophe!
Durch
das Feuer der Artillerie drehten wohl die von den
Herero
zu Tausenden geraubten Rindviecher durch und trampelten bei
ihrer Flucht in die nahe Wüste ganze Familien zu Tode!«
»Aber wie kamen die
Herero
zu Repetiergewehren? Sie konnten doch nicht alle bei den Überfällen
erbeutet
haben!«
Christian Pingel sah Herbert an.
»Die Antwort sollte doch wohl auf der Hand liegen, mein
Junge.«
»Von den Engländern?!«
Christian Pingel klatschte wie gewohnt in die Hände. »Von
Dyck sprach davon, dass sie bei den getöteten Feinden Waffen der
britischen
Armee gefunden hatten.«
»Ihr seid zu laut«, bemerkte Hans Edler.
»Der Junge hat Recht«, bestätigte der alte Pingel selbst
und übertrug nun Albert die Aufgabe das Ziellicht an den Baum zu
hängen, da das
Tageslicht allmählich verschwand.
»Ich gehe da jetzt nicht allein raus.«
»Komm, ich gebe dir Feuerschutz«, sagte Herbert und schon
verließen beide den Unterstand und stiegen die sechs Stufen zum
Waldboden
hinauf.
Albert leuchtete mit der Petroleumlampe zunächst in alle
Richtungen, die Herbert mit dem Gewehrlauf folgte. Als sie zum Baum
kamen,
sahen sie in den Augen des Schafes bereits die Todesangst. Albert
hängte die
Lampe an einen geeigneten Ast, aber bekam von Hans Edler sofort den
Wunsch
geäußert, die Lampe höher zu hängen, was er dann auch tat. Mit den
Fingern der
rechten Hand fuhr er nun ehrfürchtig über die Narben in der Baumrinde,
die der
Bär hinterlassen hatte. Fingertiefe Furchen hatten die Krallen hier
eingepflügt. Dann kniete er sich nieder zum verängstigten Tier: »Musst
dich
nicht fürchten, Onkel Herbert wird den Meister Petz schon abknallen,
bevor der
dich verspeist!«
»Mit
Onkel Herbert musst du jetzt aber
vorsichtiger sein.«
»Na klar«, Albert schlug sich die Hand vor die Stirn.
»Das sollte ich lieber nicht mehr sagen.«
»Hat er euch nie von seinem Bruder erzählt?«
»Zumindest nicht diese Geschichte, die hörte ich heute
ebenso zum ersten Male.«
Albert erhob sich.
»Er ist schon sehr verwunderlich, mein alter Herr.«
Herbert kommentierte das nicht.
Die beiden stiegen in den Unterstand zurück und sahen nun
selbst, dass die Lampe vortrefflich plaziert war.
»Was, wenn heute Nacht das Licht ausgeht, weil das
Petroleum alle ist?«, fragte Albert.
»Dann gehst du raus und hängst die zweite Lampe an«,
entgegnete sein Vater.
»Nie im Leben!«
Dieses Mal konnte Christian Pingel sein Lachen
gerade
noch unterdrücken, was Hans Edler
Anlaß war, nochmals darauf hinzuweisen, dass ab jetzt nicht mehr
gesprochen
werden sollte.
Herbert sah unter dem Licht von Pingels Feuerzeug auf
seine Taschenuhr: 20 Uhr Zwölf.
Auf dem freien Felde hatte man um diese Zeit noch
genügend Licht, hier jedoch, in der Tiefe des Waldes, war es beinahe
stockfinster. Nur schemenhaft konnten die Männer einander erkennen.
Hans Edler
und Albert Pingel gingen die erste Wache, die zweite bestand aus
Herbert
Bründel und Hans Pingel. Der alte Pingel wollte nur geweckt werden,
wenn
wirklich was Spannendes passierte, wie er es formulierte. Alle zwei
Stunden
wollte man sich abwechseln.
Die Nacht war nun richtig schwarz, von den Sternen am
Firmament konnte man unter dem Blätterdach nichts sehen. Einzig die
Petroleumlampe gegenüber zeigte ihnen an, dass da noch eine Welt war.
Und in
dieser Welt war ein unschuldiges Schaf an einen Baum gebunden und
fürchtete
sich fast zu Tode. In dieser Welt ging ein Monstrum um, was willkürlich
nach
Beute spähte, um sich diese einzuverleiben. Und in dieser Welt saßen
vier junge
Männer in einem Graben, der auch ein Grab sein könnte, um das Monstrum
zu
besiegen, das das unschuldige Schaf zu Tode ängstigte.
Die Bestie war der Krieg und das Schaf war Europa. Die
jungen Männer waren die Hoffnungen ihrer Familien, die mit
aufgepflanzten
Bajonetten gegen die Bestie anstürmten, bis sie erkannten, dass sie
eigentlich
in ihr eigenes Fleisch stachen, das nur von anderer Nationalität war.
In der
Ohnmacht der Erkenntnis sanken sie zurück in den Graben – in das Grab!
Denn die
Bestie triumphierte... und das Schaf war tot!
Herbert Bründel erwachte aus seinem Traum. Kalten Schweiß
wischte er sich von der Stirn. Verzweifelt versuchte er, den letzten
Gedanken
wieder einzufangen, aber es gelang ihm nicht.
»Was ist mit dir?«, fragte Hans Edler, der ihn weckte.
»Keine Ahnung, habe irgendwas geträumt...« Herbert rieb
sich die Augen. »Wieviel Uhr ist es?«
»Halb Drei.«
»Wo ist Hans?«
»Der ist schon draußen bei seinem Bruder, die beiden
starren in die Dunkelheit.«
»War was?«
»Wolfsgeheul, aber in der Ferne.«
»Bleibt dein Hund die ganze Nacht wach?«
»Der ist doch nicht verrückt, der düst immer ein. Aber
keine Sorge, sein Geruchsinn bleibt in Alarmbereitschaft.«
»Ich nehme dich beim Wort.«
Das war die Übergabe. Jetzt kauerten sich Albert Pingel
und Hans Edler auf die Holzpritschen. Natürlich vorsichtig, bloß nicht
den
alten Pingel wecken.
Herbert verließ jetzt den Unterstand, aber da Hans Pingel
den Platz im Graben bereits ausfüllte, stieg er auf die Stufen und
setzte sich
auf die abgestützte Grabenkante, das Gewehr legte er sich auf die
Schenkel.
»Wie geht's dem Schaf«, flüsterte er.
»Liegt da wie tot, pennt bestimmt.«
Wotan hob kurz seinen Kopf und begrüßte den neuen
Begleiter durch ein kurzes Beschnuppern.
Nach einer ganzen Weile des Dahinstarrens in die
Dunkelheit, die dem Horchen auf jedes Geräusch geschuldet war, kam Hans
Pingel
noch dichter an Herbert heran.
»Sag mal, hast du was mit meiner Schwester? Die ist seit
dem Tage deines Briefes wie verwandelt, irgendwie verrückt! Und letzte
Nacht
habe ich sie...«
»Ich liebe Marie!«, kam Herbert den letzten eindeutigen
Worten seines Freundes zuvor.
»
Der Herbert«, sagte Hans darauf mit seltsam
erhobener Stimme. »Wann willst du den Alten fragen?«
»Am liebsten gleich, aber da ist noch was anderes...«
»Was denn?«
Die Antwort blieb aus. Beiden war am Verhalten des Hundes
sofort klar, dass sich hier etwas in der Dunkelheit verbarg. Auch das
Schaf war
urplötzlich aufgesprungen und versuchte zu fliehen, was der Strick
jedoch
verhinderte. Daher begann es jämmerlich zu blöken.
»Los, wecke die anderen!«, kommandierte Herbert. Dann
stieg er in den Graben vor den Unterstand und nahm das Gewehr schräg
vor die
Brust. »Komm, rein!«, hörte er Hans Edler nach einer kurzen Weile
zischen.
Die Pingelbrüder und ihr Vater waren fast in Panik.
Wotan
wurde nun angebunden, damit er die Sache nicht noch zusätzlich
komplizierter
machte.
»Wo ist die Bestie? Ich kann die doch schon riechen!«
Christian Pingel war bemüht, leise zu sprechen, aber das gelang ihm
nicht.
»Still!«, zischte Hans Edler deshalb, »er ist genau über
uns!«
Den Männern gefror fast das Blut in den Adern, und nun
war da auch das grauenhafte Kratzen auf dem Dach des Unterstandes.
»Los Jungs, ballert ihn durch das Dach nieder!«
»Bist du verrückt?!«, fuhr Hans Edler den alten Pingel
an. »Da sind überall Bauklammern drin, durch die Querschläger würden
wir uns hier
drinnen alle selbst umlegen!«
»Was sollen wir dann tun?«
»Warten!«
»Warten?«, fragte Christian Pingel entsetzt.
Hans Edler rollte mit den Augen, was aber niemand sah.
»Wenn er das Schaf packt, gehen Herbert und ich raus und bringen ihn
zur
Strecke«, legte er darum fest.
»Warum erledigen wir das nicht von hier aus?«
»Wir sind doch keine französischen Heckenschützen! Wir
gehen raus und kämpfen mit ihm!«
Darauf bekam Hans keine Erwiderung, darum fügte er hinzu:
»Herbert und ich gehen raus. Ich verpasse ihm zuerst eins mit meiner
Flinte,
das wird ihn wahrscheinlich wütend machen. Er wird uns angreifen. Und
Herbert
ballert ihn mit dem Repetiergewehr nieder. Nur für den Fall, dass alles
schief
geht, schmeißen wir uns draußen flach hin, und ihr feuert was das Zeug
hält.
Aber nur dann, habt ihr verstanden?!«
Die Pingelbrüder stimmten zu.
Bange Minuten vergingen. Der Bär rührte sich nicht von
der Stelle, aber seine Gegenwart war erdrückend! Sein schnaufendes
Atmen, das
abwechselnde Heben und Senken der Tatzen, was dann auf dem Dach ein
Kratzen
hören ließ, fuhr ihnen gehörig in die Glieder. Alle Pingels
bekreuzigten sich
und flehten Gott um Beistand an. Herbert wunderte sich, dass Hans Edler
genau
das nicht tat.
Wotan winselte und das Schaf krepierte vor Angst.
Die Erschütterung des Waldbodens ging ihnen durchs Mark, als der Bär
vom Dach
sprang und auf das verendete Schaf zulief.
»Los raus jetzt!«, befahl Hans Edler.
Herbert stürmte die
Stufen des Grabens empor. Das Gewehr
im Anschlag ging er vorsichtig auf dem weichen Boden seitwärts, um Hans
Edler
Platz zu geben. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals, und er fürchtete,
dass
seine Finger den Dienst versagten. Der Bär war zwölf Schritte vor ihm,
dann
trat er auf einen Zweig, der die mörderische Stille durchbrach.
Der Bär drehte sich um und richtete sich auf. Ein
unglaublich beängstigendes Brüllen fegte über die Männer hinweg, und
Herbert
glaubte, den wilden Atem des Tieres auf seinem Gesicht zu spüren. Das
Maul weit
aufgerissen, den Kopf schräg haltend, mit den dolchartigen Krallen
drohend,
stand der König des Waldes vor ihnen. Diesen Anblick würde keiner je
vergessen.
Ein donnernder Schuß ging ab! Hans Edler hatte beide Läufe zu gleich
abgefeuert. Der
Bär fiel auf die Vorderpranken zurück, aber er stürzte nicht. Sein
Brüllen
wurde noch lauter, und in seinem entsetzlichen Wundschmerz lief das
Tier nun
auf sie zu.
»Schieß doch, schieß doch, schieß doch...!«, brüllte Hans
Edler verzweifelt. Aber Herberts Finger waren wie Stein.
In Bruchteilen von Sekunden lief sein Leben vor ihm ab.
Gesichter von Menschen, die ihm etwas bedeuteten, flogen orkanartig an
seinem
geistigen Auge vorbei. Doch das Bild von Marie verharrte!
Dann schoss er...
Eins, zwei, drei...
Vier Schüsse krachten und zertrümmerten den riesigen
Schädel des Bären, der nur vier Schritte vor ihnen zusammensackte und
verendete.
Hans Edler sank auf die Knie, auch er wäre fast
gestorben!
Und er wollte gar nicht mehr wissen, wie Herbert so
schnell durchladen konnte. Er starrte ihn mit leeren Augen an, die
trotz der
Dunkelheit leuchteten und immerfort flehten: schieß doch, schieß doch...
Und Herbert lud die Waffe ein weiteres Mal nach und ließ
die abgeschossene Hülse herausspringen.
»Jungs, ich hätte mir fast in die Hose geschissen«, brüllte
der alte Pingel, der augenblicklich aus dem Unterstand stürmte, um
ihnen
kräftig auf die Schulter zu klopfen.
Herbert stellte seinen Fuß auf den Körper
des leblosen Bären: »Christian
Pingel, ich halte hiermit um die Hand deiner Tochter Marie an«, sagte
er dann
so bestimmt, wie er noch nie etwas gesagt hatte in seinem Leben...