Europa im Kriege

Ich  widme  dieses  Buch  Johann  Friedrich Christoph von Schiller  (1759-1805),  dem  Anwalt  der  Gedankenfreiheit, dem Zeilenschmied   wider   Intrige   und  Tyrannei;  dem Lyriker  der Zeit,  der  dieser  voraus  war  und doch  in ihr zurückbleiben musste!

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HALT MAL!
 
  Anmerkungen des Autors zu geschichtlichen Umständen 
  
Als   Herbert Bründel seine Offizierslaufbahn  aufgab, um  in  Königsberg Philosophie  zu studieren,  hatte er ein  hausgemachtes  Problem am Hals.  Ein Jahr lang hielt er die Tatsache zurück,  aber  als er um  die Hand  von Marie anhielt, musste er Farbe bekennen.  Zur Verlobungsfeier wollte er endlich damit herausrücken.
Als am  28. Juni  der Habsburger  Thronfolger  Franz Ferdinand  und seine Frau  in Sarajevo von  Gavrilo  Princip, einem  serbischen  Attentäter, ermordet  wurden,  löste  diese  Nachricht  auch  in Ostpreußen  Bestürzung  aus.   Aber  Herbert  weigerte  sich,  die Sache so ernst zu nehmen, wie sein Kommilitone Franz Amelow. Erst als er von Erich Reinholdt,  einem ehemaligen Schulfreund – der in einem preußischen Grenzkorps  diente –  vom offensiven Aufmarsch  zweier  russischer  Armeen  und  der unausweichlichen  Mobilmachung  erfuhr,  sah auch er  die Bedrohung über sein eigenes Leben hereinbrechen.
LESEPROBE
     

15. Juni 1914

Als der Flügelschlag eines Habichts die selige Ruhe störte, wurde er schlagartig wach. Er schreckte hoch und sah zuerst auf das weidende Pferd. Der Anblick beruhigte ihn. Keine zwanzig Schritt entfernt erblickte er dann auch den Raubvogel. Der hatte wohl eine Maus erbeutet, und das stolze Tier spähte nun auch zu ihm herüber.
Die Sonne war weit über Süden hinaus gewandert und wärmte Maries Haut. Sie war immer noch nackt, hatte mit dem langen Kleid lediglich die Hüfte bedeckt.
Ob sie noch schlief?
Herbert berührte behutsam ihre Brüste. Kreisförmig streiften seine Finger an den Rundungen entlang, die er vor einer Viertelstunde noch fest gepackt hatte. Er sah in ihr Gesicht und bemerkte zum Hundertsten Mal die Schönheit. Beinahe hörte er auf zu atmen, diesen Augenblick für immer festhalten! Für immer, dachte er.
Marie schien durch seine Gedanken aus dem Liebesschlaf erwacht: »Du hast versprochen, dass du es diesen Sommer tust, Herbert Bründel«, sagte sie unmittelbar, nachdem ihre Augen den Liebsten erblickten. Mit der flachen Hand schirmte sie die Sonne ab.
Herbert sprang abrupt auf: »Jawohl, Fräulein Marie Pingel, der Fahnenjunker wird heute noch bei Ihrem Vater um die Hand der Tochter anhalten!«
Er salutierte mit militärischer Ehrenbezeugung.
»Aber wohl nicht so«, kicherte sie und starrte auf seine entblößte Hüfte, »und außerdem bist du nicht mehr beim Militär, mein lieber Studiosus!«
Da hatte sie Recht. Und das war es auch, was Herbert zu schaffen machte. Er war kein Bauer, wie Maries Vater, wie ihre Brüder Hans und Albert, die er schon von der Schule her kannte. Im letzten Jahr, als Zugführer im Jägerregiment zu Pferde, hatte er noch was hergemacht. Aber nun als Studiosus?
Vielleicht würde man ihn mit anderen Augen betrachten, wenn er Medizin studierte, oder Recht?
Vielleicht auch noch Maschinenbau? Das müsste doch auch ein Bauer begreifen, dass das wichtig war, denn wo sollten die Maschinen sonst herkommen? Aber Philosophie? Wofür sollte das gut sein, sich mit Kant, Fichte und Hegel auseinander zu setzen? Wie kann ein gesunder Mensch nur so etwas Absurdes tun? Was soll das Grübeln über die Welt, wenn doch alles nach der Pfeife des Kaisers tanzt?
Die Fragen hatte ihm sein Vater gestellt, als Herbert die Offizierslaufbahn aufgab, um genau das zu studieren. Und Maries Vater, der immer noch glaubte, Herbert sei beim Militär, würde ihm die gleichen Fragen stellen.
Es sei aber nicht so, hatte Herbert geantwortet, dass alles nach der Pfeife des Kaisers tanzt. Da gab es genügend kluge Männer, die die Welt klarer sahen, und er wollte eines Tages dazu gehören. Aber konnte er das wirklich einem Großbauern erzählen, einem Gutsbesitzer?!
»Was grübelst du schon wieder?«, fragte Marie.
»Du hast ihm doch wohl nicht den ganzen Brief vorgelesen?«
»Bin doch nicht verrückt, nur was er wissen soll...«
Marie hatte sich erhoben. Herberts Blicke hingen wie gefesselt an ihren Brüsten. Dann kniete er nieder und küsste ihren Schoß, aber sie nahm sofort seinen Kopf in beide Hände und richtete sein Gesicht auf ihren Blick.
»Das hatten wir heute schon«, seufzte sie und fuhr ihm durch sein welliges blondes Haar, das bereits die Ohren bedeckte. Sie strich die Strähnen dahinter.
»Mein Vater wird sonst sofort sehen, dass du nicht mehr beim Militär bist.«
»Das werde ich ihm ohnehin erklären müssen.«
»Aber es muss ja nicht am ersten Tage sein. Morgen geht ihr auf die Jagd, da findet sich vielleicht die Gelegenheit?«
Das gefiel auch Herbert, bloß nicht heute schon dem alten Pingel davon erzählen. Und wieder küsste er sie.
»Gib mir mein Kleid, wir müssen zurück!«
Nur schwerfällig erfüllte er ihren Wunsch, und er konnte die Blicke nicht von ihr wenden, bis sie wieder bekleidet war.
»Die Zeit mit dir vergeht aber auch«, bemerkte sie, nachdem sie sich das Kleid zurecht gezogen hatten.
Herbert breitete die Arme aus:

                       »Von deiner Macht kann nichts bestehen,
                         Dein Wesen ist der Wechsel nur,
                         O Zeit, wie schnell musst du vergehen
                         Auf deines Weges Windesspur!
                         Die Erde und die Himmelsbahnen
                         Sind deiner Kräfte Untertanen,
                         Du ziehst sie mächtig fort mit dir.
                         Dein Machtgebiet kennt keine Schranken,
                         Und eines Augenblicks Gedanken
                         Entfliehen gleich ins Weite mir.«

Langen Müller  "Wer die Wahrheit liebt - Gedanken und  Betrachtungen Friedrich des Großen"  S.141

 

Marie sah ihn mit funkelnden Augen an. »Willst du so aufs Pferd steigen?«, fragte sie lächelnd.
Und als auch Herbert angezogen war, führte er den Wallach heran, straffte den Sattelgurt und stieg auf. Dann reichte er Marie die Hand und zog sie hinter sich auf den Rücken des Pferdes.
»Das Gedicht war wunderschön. Von wem war es?«
»Von Friedrich dem Zweiten, dem alten Fritz, der uns einstmals den Untergang bewahrte.«
Das Mädchen hinterfragte die Bemerkung nicht weiter, sondern schmiegte sich an den Leib des Liebsten und genoss die Nähe, die sie seit 6 Monaten so vermisst hatte.Der Trakehner stampfte gemächlich über die Masurischen Wiesen und trug die Liebenden dann auch über das feuchte  Sumpfgebiet südlich des Hofes.»Weist du noch?«, fragte sie plötzlich. »Hier ganz in der Nähe haben wir beide zum ersten Mal in einem Kiesteich nackt gebadet. Da war ich Fünfzehn und du Siebzehn. Du kamst auf Urlaub vom Militär. Und dann sind deine Eltern nach Gerdauen gezogen und wir sahen uns ein ganzes Jahr nicht«, formulierte sie schmollend.
»Wie könnte ich das je vergessen?«
Herbert wurde plötzlich sentimental. Und augenblicklich fühlte er auch die Enttäuschung darüber, dass seine Eltern in die Stadt gezogen waren – sein Vater war Arzt und machte dort eine eigene Praxis auf –, denn er selbst fühlte sich dem beschaulichen Adamswalde immer noch verbunden. Hier, wo er zur Schule ging, wo er Freunde hatte, wo er Marie beim Baden zusah...
»Die Schule wird zum Sommer geschlossen«, sagte sie, als hätte sie seine Gedanken erraten.Seine Hände ließen die Zügel sinken und wanderten nach hinten, um Maries Hüfte zu berühren.
»Du hast dich kaum verändert seit dem, nur dein Haar ist länger geworden«, fügte er hinzu.
»Und meine Liebe.«
Herbert drehte sich augenblicklich im Sattel um, wollte sie küssen.
»Sieh nach vorn, du verrückter Kerl!«, protestierte Marie.
»Domherr kennt den Weg.«
Herbert verlagerte sein Gewicht in den linken Steigbügel und beugte sich zu Marie herab. Ihre Lippen berührten sich für eine lange Weile, kein Protest war möglich. Und die Sonne schien so drückend vom Himmel, als wollte sie beide Körper wiederum zu einem einzigen verschmelzen lassen.
Erst als der Atem ausblieb, lösten sich die Münder und in rote Liebesglut getünchte Augen schmollten einander an. Sie konnten kein Wort sprechen. Die Sehnsucht der letzten Monate hatte sie eingehüllt in ein seidenes Tuch der Schwerelosigkeit, das wie von Zauberhand im Winde schwebte und nicht wusste, wo es landen sollte.
Aber das Blöcken der Schafe riss Marie aus ihrem verträumten Zustand. Der Hof war erreicht.
»Du hast mir noch gar nicht erzählt, warum du doch früher kommen durftest«, sagte sie.
»Mein Dozent, der Dr. Rubin, legte mir nur eine Prüfung auf, die habe ich am Mittwoch.«
»Übermorgen?«
»Nein, am 24. Juni.«
»Aber dann bleibt uns eine ganze Woche«, frohlockte Marie, warf ihre Arme um den Liebsten und krallte auch ihre Hände in sein offenes Hemd.

Aber dann hatten sie bereits die erste Scheune erreicht und hier stiegen beide vom Pferd. Marie küsste ihn nochmals, dann verschwand sie hinter dem Sonnenblumenbeet, was den Weg von Scheune und Stallungen abtrennte.
Herbert führte das Pferd am Kuhstall vorbei und stand schon auf dem Gutshof, der von weiteren Stallungen, Schmiede, Gesindehaus und einer Gerätescheune eingefasst war. Der gepflasterte Weg führte direkt aufs Gutshaus zu. Vor der herrschaftlichen Treppe machte der Weg eine Schleife, damit Kutschen problemlos wenden konnten. Johann lief ihm über den Weg und schien ein eisernes Teil zur Schmiede tragen zu wollen.
»Hat der Herr seinen Ausritt genossen bei dem Wetter?«, fragte der Knecht, der schon seit 25 Jahren im Dienst der Familie Pingel war.
»Und ob, Johann. Und nicht nur das Wetter!«
»Ja, der Domherr ist ein tolles Pferd, den kann man mal so richtig ran nehmen«, fügte der Knecht hinzu.
Weil Herbert sah, dass Johann die Last schwer wurde, wollte er sie ihm abnehmen.
»Lasst nur, der Herr macht sich die Kleider schwarz.«
»Du kannst mich ruhig noch Herbert nennen, das habe ich dir aber vorhin schon gesagt.«
»Die Kinder werden groß und stattlich, da kann man sie doch nicht mehr anreden, als wäre man ihresgleichen! Und schon gar nicht einen vom Militär. Das gehört sich doch nicht!«
Herbert schüttelte freundlich mit dem Kopf.
»Der Herr kann das Pferd hier stehen lassen. Ich kümmere mich gleich darum«, sagte Johann und eilte zur Schmiede.
Aber genau das tat Herbert nicht. Er führte Domherr selbst in den Stall, nahm Sattel, Halfter und Decke ab, und gab dem Pferd etwas Wasser und Roggenschrot in den Trog. Dann rieb er den Rücken mit frischem Stroh trocken.

Der Stallgeruch trieb ihm sofort wieder die Erinnerung an seinen Militärdienst in die Nase, den er im Alter von 16 Jahren als Offiziersanwärter begonnen hatte. Nach 12 Monaten wurde er zum Fahnenjunker befördert, nach 22 Monaten zum Fähnrich. Aber nun war Herbert 20 und vom Abbruch der Offizierskarriere wusste hier niemand, außer Marie. Er hatte auch keine Idee, wie er es ihnen überhaupt erklären sollte. Wahrscheinlich würde er sogar Johann enttäuschen! Für einen Augenblick erstarrte er in seiner Arbeit.
Aber Marie hatte schon Recht, dachte er, warum soll ich es gerade jetzt erzählen? Das kann noch warten! Die Besinnung darauf vertrieb alle Gedankenspiele.
Herbert liebte die Arbeit mit den Pferden schon als Kind. Mit 6 Jahren begann er zu reiten, mit 12 übersprang er mit einem Trakehner erstmals einen Weidezaun. Seine Mutter fiel fast in Ohnmacht, als sie das sah und verbot ihm derartige Spiele. Was Herbert nicht davon abhielt, es trotzdem weiterhin zu tun. Mit 14 stürzte er stark, brach sich Schlüsselbein und drei Rippen, und die Familie glaubte, sie würden den einzigen Sohn verlieren. Ein ganzes Jahr dauerte die Genesung des Jungen und als im darauffolgenden Jahr Herberts Vater den aktiven Dienst als Stabsarzt quittierte, drängte er seinen Sohn in die Offizierslaufbahn, damit er endlich mit dem Unsinn aufhörte. Auch der Umzug der Familie von Adamswalde nach Gerdauen sollte die Ausbildung des Jungen unterstützen, der schließlich im XVII. Armeekorps, 35. Infanteriedivision, im 4. Jägerregiment zu Pferde unterkam.
»Ich hätte es doch getan«, schalte Johanns tiefe Stimme plötzlich durch den Stall.
»Du weißt doch, wie sehr ich Pferde mag, das ist mir keine Last«, entgegnete Herbert und legte dem altvertrauten Knecht der Familie die Hand auf die Schulter.
»Der Hausherr ist mit seinen Söhnen vom Felde zurück.«
»Dann sollte ich ihn wohl begrüßen.«
Herbert verließ den Stall und blickte augenblicklich in das Gesicht von Christian Pingel.
»Habe mir schon gedacht, dass du dich hier noch rumtreibst. Johann hatte mir erzählt, dass du gleich ausgeritten bist.«
Dann breitete der Hausherr seine Arme aus und empfing Herbert wie seinen leiblichen Sohn. Die großen Hände umklammerten die Schultern und drückten beinahe so sehr zu, dass Herbert die Luft weg blieb.
»Kräftiger bist du geworden, Junge, das Militär tut dir gut.«
Dann sah er sich Herbert an den langen ausgestreckten Armen an. »Das man euch diese Haartracht erlaubt, damit könntest du bald mit den Dragonern des alten Fritzen wetteifern.«
Herbert bekam daraufhin noch einen ordentlichen Schlag vor die Brust und dann überschüttete ein Lachkrampf den alten Herrn, der von den eigenen Worten ausging.
Und das war es wieder, dachte Herbert, was diesen Mann so sympathisch machte: Er konnte über sich selbst am besten Lachen.
»Die Jungen haben schon lange nach dir gefragt, wann du endlich kommst«, fügte Christian Pingel nahtlos an die Lachattacke an. »Aber Marie hätte dich wenigstens schon begrüßen können. Versteh einer die Weiber, kaum haben sie Brüste, verstecken sie sich nur im Stall.« Daraufhin überkam den Hausherrn wieder so ein Lachkrampf, dass er sich mehrmals selbst auf die Schenkel schlug, um sich zu beruhigen.
»Komm, Junge, gehen wir ins Haus. Ich freue mich, dass du auf meine Bitte sofort hergekommen bist.«
Christian Pingel nahm seinen Gast in den Arm und führte ihn zur großen Treppe.
»H e r b e r t !!!«
Sein Name klang plötzlich über den ganzen Hof. Und als er sich zur Seite umsah, erblickte er Albert und Hans Pingel. Obwohl Herbert zwei Jahre jünger war als Albert, und auch 3 Monate jünger als Hans, kamen sie ihm immer wie seine kleineren Brüder vor. Seit der frühesten Kindheit hatte er mit ihnen gespielt und so manchen Schabernack ausgeheckt.
Die beiden liefen auf ihn zu. Hans hatte ihn zuerst erreicht und umarmte ihn nun ebenso druckvoll, wie es sein Vater zuvor getan hatte. Kaum löste sich der Druck, schob Albert seinen Bruder beiseite und nun wurde Herbert ein drittes Mal beinahe erdrückt.
»Wo ward ihr?«, fragte er verlegen, obwohl er die Antwort schon kannte.
»Wie waren auf dem Felde«, antwortete Hans, »die Reife des Getreides prüfen. In zwei Wochen können wir die Schnitter einquartieren, dann musst du unbedingt wieder herkommen, die feiern jeden Abend.«
»Das werde ich...«
»Na los, Jungs, führt unseren Gast ins Haus!«, forderte der alte Pingel. Und als sie die Stufen zum Herrenhaus heraufkamen, empfingen ihn auch Louise Pingel mit Marie und Irmgard, sie war die beste Freundin Maries.
Herbert küsste Lousie Pingel vornehm die Hand, desgleichen tat er auch bei Irmgard. Marie allerdings küsste er auf die Wange und flüsterte ihr zu: »Ich liebe dich!« Sie küsste ihn zurück und entgegnete ebenso leise: »Das musst du meinem Vater sagen!«
»Na, das nenne ich doch eine ordentliche Begrüßung«, bemerkte der Hausherr und klatschte in die Hände.
Die Tafel war schon hergerichtet. Die beiden Hausmädchen brühten gerade frischen Kaffee, dessen feiner Duft den Eintretenden entgegenschlug. Und der koloniale Eindruck wurde noch durch die schweren, schwarzen Holzmöbel und die beiden Antilopenköpfe unterstrichen, die über dem Kamin thronten. Auch die gebrochene Schokolade, die in bunten Porzellanschüsseln angerichtet war, nährte diesen Eindruck. Diesen Duft und das Ambiente hatte es früher auch gegeben, aber noch nie hatte Herbert es so sinnlich empfunden. Und trotz der langen Freundschaft mit den Söhnen des Hauses war es jetzt anders. Jetzt, wo er Marie liebte.
Die Familie nahm Platz an der Tafel, und Herbert steckte sich wie immer gleich einen der gebackenen Kekse in den Mund. Dann musste er zunächst von seinem Vater erzählen, den sie alle in Adamswalde, aber auch in den anderen Gemeinden vermissten, da er als Arzt fehlte. Nun war Dr. Weide der einzige Mediziner von hier bis Gerdauen.
»Erich ist auch zum Militär gegangen, ist jetzt Fahnenjunker wie du«, sagte Hans dann mit funkelnden Augen.
»Erich?«
Herbert stellte die blöde Frage nur, um Zeit zu haben, sich einen Einstieg für eine Lüge einfallen zu lassen, falls sie ihn nach seinem Soldatenalltag fragen würden. Marie, die ihm gegenüber saß, merkte die Verlegenheit ihres Liebsten.
»Erich Reinhold, der immer mit seinem großen Bruder drohte, wenn man ihn nicht mitspielen ließ«, mischte sie sich darum ins Gespräch ein, »der aber als erster von euch allen Tanzen konnte, so dass ihm alle Mädels von Adamswalde nachliefen.
»Du warst aber nicht dabei«, bemerkte Irmgard.
»Aber die mollige Heidi hatte ihn richtig lieb.«
Die Mädchen kicherten. Und auch Hans und Albert erinnerten sich an die Geschichte, die schon bald in der ganzen Schule die Runde machte. Um vor Heidi sicher zu sein, begab sich Erich in den Pausen sofort auf die Jungentoilette. Und jetzt schlugen sie sich auf die Schenkel und lachten herzerfrischend. Herbert tauschte einen schmachtenden Blick mit Marie und war froh über diese Ablenkung.
»Kommt, Männer, lasst uns die Zigarren anschneiden!«, kommandierte Christian Pingel und führte seine Söhne und Herbert ins Raucherzimmer. Die Frauen kicherten immer noch über die Geschichte mit Erich und Heidi.
Der alte Pingel schob deshalb die Schiebetür hinter sich zu. Durch die kleinen Fenster tauschte Herbert mit Marie noch einen flüchtigen Blick, dann nahm der Hausherr auch ihn vollständig in Beschlag. Er setzte den Gast auf einen der vornehmen Stühle und schob ihm eine riesige Zigarrenkisten vor die Nase, dass Herbert wählen konnte.
Christian Pingel goss dann Weinbrand in vier Gläser und reichte die Holzkiste mit den Zigarren auch seinen Jungen. Dann bediente er sich selbst und roch schon genüsslich an der Kostbarkeit aus Übersee.
»Darum wurden schon Kriege geführt, Männer«, seufzte er schwermütig und beobachtete, wie sie die Zigarren anschnitten.
»Gute Arbeit, Herbert, das lernt man also auch beim Militär?«
»Kommt schon vor, dass der Leutnant eine springen lässt.«
Weil nun auch seine Söhne soweit waren, sparte Christian Pingel sich den Kommentar darauf und entzündete das goldene Feuerzeug, um allen Feuer zu geben. Und schon bald pafften vier Münder den kleinen Raum in dichte Nebelschwaden, so dass Herbert Maries Gesicht durch die Scheiben nicht mehr sehen konnte. Der alte Pingel ließ die Zigarre genüsslich glühen, dann erhob er sein Glas: »Auf das Fell des Bären, Männer!«, brachte er den Trinkspruch aus, und sie gossen den Weinbrand in einem Zuge über ihre von übermäßigem Rauch getrockneten Kehlen.
»Gehen wir damit auf die Jagd?«, fragte Herbert und zeigte auf die beiden edlen Doppelläufe, die über der von Jagdmotiven verzierten Mahagonikommode hingen.
»Genau«, antwortete Christian nach einem kräftigen Räuspern, »die beiden Flinten werden Hans und Albert in die Schlacht führen. Aber für dich, mein Junge, habe ich hier ein ganz besonderes Gewehr. Christian führte Herbert um den großen Herrentisch herum, dabei kam er nicht umhin, das halbe Dutzend Geweihe zu betachten, die auf dunklen, kunstvoll verzierten Brettern befestigt waren. Außerdem war mit Tag und Jahr das Datum des Abschusses festgeschrieben.
Aus dem Schubfach eines kleinen Sekretärs kramte Pingel einen Schlüssel und öffnete damit einen schmalen Schrank, den Herbert zunächst als Standuhr wahrgenommen hatte. Aber statt eines Uhrwerkes stand dort ein Repetiergewehr drin, ein unglaublich schönes noch dazu. Herbert war wirklich verblüfft. »Das ist keine Mauser 98«, kam ihm lediglich über die Lippen.
»Eine amerikanische Spencer, ein achtschüssiges Repetiergewehr von 1860, mit Patronenmagazin im Gewehrkolben. Damit haben sich die Ammies im Bürgerkrieg zu Tausenden gegenseitig abgeknallt.«
Da Hans und Albert locker blieben, musste Herbert davon ausgehen, dass die beiden die Waffe bereits früher bestaunt hatten. »Damit soll ich schießen?«, fragte er darum verlegen.
»Du bist Soldat, du wirst am besten damit umgehen können.«
Und nun fasste der alte Pingel Herbert auf die Schulter: »Du bist unsere Lebensversicherung, mein Junge. Wenn die Flinten nicht töten, musst du damit dem Bären das Fell sieben.«
»Werden wir vier die einzigen Jäger sein?«
»So ist es, Herbert. Nur der junge Hans Edler wird uns begleiten. Der hatte gestern erst wieder frische Spuren des Bären entdeckt.«
Christian zog nun wieder an seiner Zigarre, dass die Spitze glühte. Dann gab er Herbert die Waffe in die Hand. Sie war bedeutend länger als die deutschen Repetiergewehre. Die Waffe war auf Hochglanz poliert.
»Du kannst die natürlich vorher ausprobieren, wenn du befürchtest, die sei nur ein Schmuckstück«, kommentierte Christian Pingel den misstrauischen Blick Herberts.
»Das werde ich auch, aber mich drängt eher die Frage, wie kommt die in den Besitz der Familie?«
Und wieder ließ der Hausherr die Zigarre glühen. Rauch hüllte Herbert ein, aber er blieb standhaft und fuchtelte den nicht weg, was den Alten imponierte. »Das Gewehr habe ich von einem Holländer, Peter van Dyck«, begann er darum zu erzählen. »Mein Bruder war neun Jahre jünger als ich, und der hieß ebenso Herbert, wie du, mein Junge.«
»Hieß, bedeutet, dass er jetzt tot ist?«
Christian Pingel überging die unsentimentale Bemerkung und deutete seinen Gast an, wieder Platz zu nehmen. Herbert setzte sich zu Hans und Albert an den Tisch zurück und legte die ungeladene Waffe vor sich ab.
»In der Tat ist mein Bruder, euer Onkel«, dabei sah er seine Söhne kurz an, bevor er sie wieder in den Rauch seiner Zigarre hüllte, »schon lange tot, ganze zehn Jahre werden es nun. Aber zuletzt gesehen habe ich ihn im Sommer 1890, da war er gerade 18 Jahre alt. Er hatte die Arbeit und die Enge auf dem Hof und Feld so satt, dass er einfach abhaute, meldete sich zur Schutztruppe nach Deutsch-Südwestafrika. Er wollte was sehen von der Welt...«
»Daher die Antilopenköpfe und die afrikanischen Masken«, kommentierte Herbert und zog daraufhin kräftig an seiner Zigarre.
»Richtig! Hin und wieder schickte er uns ein Paket mit Kolonialwaren und allerlei afrikanischen Krimskrams, aber er selbst kam nie wieder zurück. Er schrieb uns auch regelmäßig, und er hatte sich immerhin zum Hauptfeldwebel gedient, war dann im Herero-Krieg sogar Zugführer.«
Bis hierher hatte er auch seinen Söhnen nichts Neues erzählt. Christian Pingel machte eine Pause und goss in die vier leer getrunkenen Gläser nochmals einen kräftigen Schluck des französischen Weinbrands. Die Flasche war etwas Besonderes, und er schenkte daraus nur ein, wenn er so in Erinnerungen schwelgte und die alten Sachen erzählte, was wegen der Arbeit mit dem Hof selten genug vorkam.
»Eigentlich habe ich die Geschichte falsch angefangen«, sagte er dann. »Ich muss doch mit Peter van Dyck beginnen, sonst versteht ihr den Zusammenhang nicht.«
Die jungen Männer nickten.
»Peter von Dyck war Bure in dritter Generation«, fuhr er fort.  »Zur Zeit seines Großvaters überfielen die Engländer Kapland und beanspruchten es für sich. Strategisch war die Südspitze Afrikas für die Engländer von größter Bedeutung. Die dort verbliebenden Buren mussten sich dem britischen Königreich unterstellen, aber die meisten, wie auch die Vorfahren des Peter van Dyck wanderten ins Landesinnere und gründeten dort zwei burische Republiken, Oranje und Transvaal.
Sie lebten hauptsächlich von der Viehzucht...«
Christians Zigarre war ausgegangen, er entzündete sie neu und paffte sie wieder ordentlich an. Und weil er in überaus aufmerksame Gesichter blickte, kam er ohne Umschweife wieder zum Thema.
»Zum Ende des Jahrhunderts kamen dann plötzlich zwei ungünstige Dinge zusammen. Erstens: in den Burenrepubliken wurde Gold gefunden! Zweitens: die Engländer entwickelten nun eine offensivere Kolonialstrategie und beanspruchten ein durchgängiges Reich von Kairo bis zum Kapland! Das einzige Hindernis dabei waren die beiden Republiken Oranje und Transvaal
»Woher weißt du das alles, Vater?«, fragte Albert äußerst verblüfft, denn nie zuvor hatte der alte Pingel mit seinen eigenen Söhnen darüber gesprochen. Und auch in das Raucherzimmer ging er mit ihnen erst seit diesem Frühjahr.
»Van Dyck hatte regelmäßig geschrieben. Bis vor seinem Tode vor drei Jahren sind gut zwei Dutzend Briefe eingegangen. Er starb als verbitterter Mann, der alles verloren hatte, nur nicht seinen Stolz!«
»Du hast nie darüber gesprochen!«
»Ihr ward Kinder, verdammt! Sollte ich euch mit den schrecklichen Geschichten die Jugend verderben?!
»Das hast du schon mit der Hofarbeit getan«, bemerkte Albert hintergründig, was dem Alten aber gefiel, und der sofort in seinem eigenen Gelächter zu ertrinken drohte.
»Was sagst du dazu, Herbert? Da muss mir wohl die ganze Erziehung missraten sein?«
»Das glaube ich nicht, Albert ist immerhin schon 23 und immer noch hier.«
Auch diese Antwort gefiel Chirstian Pingel so gut, dass er augenblicklich einen weiteren Lachkrampf fast erlag.
»Jungens, so geht das nicht«, keuchte er zwischendurch, »das ist eine traurige Geschichte, da können wir uns nicht ständig ausschütten vor Lachen«, kicherte er dann und überging die Tatsache, dass er der Einzige war, der hier wieherte wie alle Pferde des Hofes zusammen.
»Komm, Albert, schenke uns noch Einen ein!«, kommandierte er dann seinen Ältesten, der keineswegs zögerte, der  Aufforderung nachzukommen. Währenddessen Christian Pingel dort weitererzählte, wo er aufgehört hatte: »Weil nun die Buren den Verkauf ihres Landes verweigerten, landete ein britisches Armeekorps nach dem anderen am Kap. Diese zunehmende militärische Bedrohung der beiden Republiken durch die britische Kolonialarmee gipfelte in der Kriegserklärung der Buren an Großbritannien und der sofortigen Mobilmachung von 50 000 Mann Burenmiliz.
Ihre Gegner hatten allerdings 450 000 Soldaten angelandet, die vollgerüstet in den Krieg gingen. Volle drei Jahre währten die Burenkriege, Hof um Hof musste allerdings mühselig erobert werden. Im April 1900 wurde der Oranje-Staat besetzt, im September 1900 dann auch Transvaal. Der Untergrundkampf der Buren wurde jedoch noch bis ins Jahr 1902 fortgeführt. Die Briten antworteten darauf mit dem Abbrennung der Farmen, der Vernichtung der Viehherden und dem Wegsperren der Zivilbevölkerung in Konzentrationslager, wo viele von ihnen wegen Hungers umkamen. Auch die gesamte Familie von Peter van Dyck starb dort.«
Hier machte Christian Pingel eine Pause und drückte den Stummel seiner Zigarre aus. Seine Zuhörer waren in Gedanken versunken, weil sie sich das Ausmaß der Dinge geistig vorstellten.
»Viele von denen«, fuhr Christian fort, »die den Völkermord überlebten, so auch Peter von Dyck, siedelten dann nach Deutsch-Südwestafrika über, wo sie unter dem Schutz des Kaisers standen. Allerdings hatten sie während ihres Krieges gehofft, dass der Kaiser reguläre Truppen zu ihrer Unterstützung schicken würde, was Wilhelm mit Rücksicht auf die Beziehungen zu England tunlichst unterließ. Trotzdem kämpften viele Buren mit deutschen Repetiergewehren, wie die moderne Mauser 98, nur Peter van Dyck nicht, der hatte die Engländer mit der Waffe bekämpft, die nun vor dir liegt, Herbert.«
»Aber wie kommt die nun in deinen Besitz?«, fragte der Angesprochene nach einer kleinen Weile, in der niemand ein Wort sprach, weil das Angehörte in den Köpfen noch nachwirkte. Auch von Christian Pingel schien die Schwere, die in der eigenen Erzählung lag, Besitz ergriffen zu haben, denn er antwortete nicht sofort.
Als plötzlich die Schiebetür aufgezogen wurde, erschraken sie beinahe.
»Sitzt hier nur rum und starrt euch an. Ich dachte, ihr unterhaltet euch?«, bemerkte Louise Pingel verstört, als sie in die schweigenden Gesichter sah.
»Ach Weib, was verstehst du schon davon?«, entgegnete der Hausherr.
»Wenn ihr euch nichts mehr zu erzählen habt, dann bitte ich euch nun zu Tisch, meine Herren«, zischte Louise beleidigt. »Und Hans, du öffnest dann hier alle Fenster, das wieder klare Luft einkehrt!«
»Na los, Männer, lassen wir die Hausherrin nicht warten, wir haben die Tage noch Gelegenheit, das eine und andere zu besprechen«, befolgte Christian Pingel ganz diplomatisch die Aufforderung seiner Frau.



16. Juni 1914


Johann hatte die große Kutsche schon hergerichtet und alles Notwendige verladen, außer den Gewehren, die jeder der Herren selber tragen wollte. Auch das Schaf hatte er schon auf dem Kofferträger sorgsam verladen.
Hans Edler wartete auf die Herren Pingel. Er hatte seinen Jagdhund Wotan an der Leine und sein Gewehr geschultert. Von dieser Position aus ließ er seinen Blick im Halbrund über das Anwesen streichen. Hier kann man leben, dachte er.
Die Familie Pingel war in ganz Adamswalde und auch darüber hinaus bekannt, allerdings waren die Brüder Hans und Albert in der Öffentlichkeit nicht gerade redselig. Daher wusste man über die Familie so gut wie nichts zu berichten, außer dass sie Großbauern waren, Gutsherren also, mit reichlich Ackerfläche und Vieh.
Die Pingelbrüder sind ihm während der Schulzeit deshalb auch nicht weiter aufgefallen. Das änderte sich erst mit den Erntefesten, wo jeder Halbwüchsige nach den Mädchen zu schauen begann. Wo jeder mit der Erntekönigin tanzen wollte. Wo jeder auf ihren Kuss hoffte. Erst da fielen sie ihm eigentlich auf. Nicht, dass sie besonders schön und gebildet waren. Nein, da konnte er mithalten. Aber es war wohl ihr Wohlstand, der sie immer die Königin kriegen ließ. Mit keinem tanzte sie so oft, wie mit einem der Pingelbrüder!
Das störte Hans Edler nicht, da gab es doch genug andere Mädchen. Aber es war eben der Zeitpunkt, wo sie ihm aufgefallen waren.
Er stand noch nie hier. Wie gern würde er einmal ins Haus schauen. Vielleicht, wenn die Jagd erfolgreich war, der Hausherr zum Umtrunk einlud?
Hans Edler beneidete sie nicht. Sein Vater war Revierförster. Und solange der das blieb, sollten sie das komfortable Forsthaus bewohnen. Vielleicht würde Hans eines Tages die Stelle übernehmen, darüber geredet wurde schon. Und in den Wald ging er erstmals mit Sieben, als ihn sein Vater zur Jagd mitnahm. Das tat der dann regelmäßig, natürlich nur, wenn schulfrei war. Für Hans leider viel zu selten.
Jetzt strich er sich das gescheitelte Haar zurecht und spähte zur Tür. Wann kommen die denn? Der alte Pingel wollte doch, dass ich pünktlich bin!
Sein Hund begann unruhig zu werden. Hans kniete nieder und streichelte dem Münsterländer den Kopf, dass die langen Schlappohren wackelten.
»Na, hast du sie schon gerochen? Sagte da nicht mal jemand, Geld stinkt nicht? Was meinst du dazu, Wotan
Die Antwort des Hundes blieb aus. Dafür kamen fünf, in lange Mäntel gehüllte, Gestalten die Treppe herunter, angeführt von Johann.
Und als Hans Edler sich aufrichtete, um Pingel und seine Söhne zu begrüßen, blieb ihm fast die Spucke weg: »Herbert Bründel?!«, war zunächst alles, was über seine Lippen kam.
Herbert ist einer seiner besten Freunde aus der Schulzeit gewesen, aber durch dessen Eintritt in die Armee hatten sie sich vor 4 Jahren aus den Augen verloren. Nun war der stattliche junge Mann der Größte von ihnen allen, und über der Schulter trug der ein schwarzes Lederholster, das allerdings unten aufgeschnitten war und so der Lauf eines sehr langen Gewehres zum Vorschein kam.
Hans Edler war verblüfft und fasziniert zugleich! »Was hast du damit vor?«, fragte er nur.
»Damit wird Herbert den Bären umlegen«, antwortete Pingel anstelle des Angesprochenen, »er ist schließlich ein Musketier des Kaisers!«
»Aber ich dachte, du wärst Fahnenjunker?«
»Auch ein Fahnenjunker hat eine militärische Funktion, Hans«, kam Herbert dem alten Pingel diesmal zuvor und reichte dem Sohn des Revierförsters die Hand zu Begrüßung.
Der Händedruck war stark und hielt lange an. Daran merkte Hans Edler, dass Herbert sich freute, ihn wieder zu sehen.
»Na los, Jungs, macht nicht so viel Aufhebens um eure Begegnung, wir müssen vom Hof!«, kommandierte Christian Pingel. Und ohne weitere Worte zu verlieren nahmen die Männer ihre Plätze ein und Johann brachte den Zweispänner in Bewegung. Hans Edler hatte auf dem Kutschbock Platz genommen, sein Hund legte sich zu den Füßen der Insassen  und bekam dort reichlich Streicheinheiten.
Johann kannte den Weg. Gerade erst vor drei Wochen hatten sie eine ähnliche Unternehmung gestartet, den wildernden Bären zu erlegen, aber da ging wirklich alles schief, was nur schief gehen konnte: Das Beutetier lief davon, der Bär wurde durch keinen der Schüsse getroffenen, der Revierförster stolperte bei der Hetzjagd über eine Astgabel und brach sich das Wadenbein!
Herbert sah auf die Uhr, es war jetzt zehn Minuten nach Fünfzehn Uhr. Ein Gänseschwarm zog über das Weideland hinweg und machte ein Geschrei, wie eine ganze Schulklasse am ersten Tage. In den Mulden des Ackerweges war immer noch Wasser vom nächtlichen Regen, der kurz und kräftig niederging
»Warum das Gewehr im Uhrkasten?«, fragte Herbert plötzlich.
»Ach, Junge! Wir haben nachher genug Zeit für Unterhaltung. Lass mich noch etwas schlummern, der Tag wird lang genug!«
Christian Pingel hatte die Augen geschlossen, seine Söhne taten es ihm gleich, auch Wotan. Und Herbert hoffte, dass Johann das nicht auch tat.
Dann lehnte auch er seinen Kopf an das Lederpolster und schloss die Augen, um sich zu erinnern. In seinen Gedanken war Maries Körper noch sichtbar. So sichtbar, dass er beinahe ihre Haut riechen konnte. Gegen Ein Uhr letzte Nacht kam sie in das Besucherzimmer geschlichen und blieb bis drei Uhr. Er hatte schon geschlafen, aber als sie die Bettdecke anhob und sich an seinen Körper schmiegte, war er sofort wach – und wie!
Zuerst verlor er sich in ihren Brüsten... dann ganz in ihr! Und sie begann schon bald so heftig zu atmen, dass Herbert ihr die Hand auf den Mund legte. Noch durfte die Familie es nicht wissen, noch hatte er nicht gefragt!
Aber Marie störte das nicht. Sie klammerte ihre Schenkel um seine Hüfte und ließ keinen Daumbreit seines Körpers unberührt. Ihre Zuckungen wurden immer heftiger und als die Spitzen ihrer Brüste abwechselnd in Herberts Mund verschwanden, war sie völlig von Sinnen und stöhnte ihre Liebe in die Stille der Nacht.
Herbert war danach etwas verstört, weil er nicht glauben wollte, dass sie niemand gehört hatte. Warum nehmen die Frauen immer alles so einfach?, fragte er sie. Aber sie verwuschelte nur sein Haar und antwortete lakonisch: Weil ihr Kerle schon alles so kompliziert macht!
Johann hatte die Kutsche durch eine tiefe Mulde gefahren. Der Ruck riss nicht nur Herbert aus seiner Grübelei, sondern ließ auch den Rest der Besatzung hochschrecken. Die Uhr war fünf vor Vier am Nachmittag. Die Weideflächen hatten sie längst hinter sich gelassen und nun den ausgedehnten Wald der Masuren unmittelbar vor Augen. Hier endete ihre Fahrt, ab nun ging es noch eine halbe Stunde zu Fuß weiter.
Hans Edler ließ seinen Hund los, der sofort in den Wald hetzte, um Witterung aufzunehmen. Die Männer schulterten die Holster mit den Gewehren und auch die Lederbeutel mit den Utensilien. Hans Pingel führte das Schaf am Strick, das hier und da an den Blättern des Pfades zupfte. Es ahnte nichts von seiner Bestimmung. Aber wenn alles glatt lief, würde es ebenso unversehrt zurückkehren, wie all die Jäger. Morgen Mittag sollte Johann mit der Kutsche an der verabredeten Stelle erscheinen, dann wollten sie ihm das Fell des Bären zeigen. Für seine eigenen drei Jungen hatte er um drei Bärenkrallen gebeten. Nichts konnte einen Jungen mehr zieren, als die dolchartige Kralle eines Bären um den Hals zu tragen. Daran hatte sich nichts geändert.
Als der Pfad sich mit einem anderen kreuzte, war Christian Pingel sich nicht mehr sicher, wo es weiterging. Doch Hans Edler vertraute da voll auf Wotan, der immer voraus lief.
Als der aber plötzlich stehen blieb, seine Ohren anlegte und unter Knurren die Zähne fletschte, ließ Herbert das Holster fallen, lud das Gewehr durch und hatte die Waffe bereits im Anschlag, als alle anderen noch mit dem Holster beschäftigt waren.
»Alle Achtung, Herbert, gelernt ist gelernt.«, sagte Christian Pingel, aber überraschen tat ihn das nicht, denn das hatte er schlichtweg auch von ihm erwartet. Darum war er hier!
Im Unterholz knackten Äste, und nun war auch Hans Edler an der Seite Herberts und sicherte ihn nach hinten ab. Die Geräusche kamen von beiden Seiten des Pfades. Die Pingelbrüder nahmen ihren Vater in die Mitte, der bis auf den Hirschfänger unter seinem Mantel unbewaffnet war. Sie alle verharrten wie erstarrt, die Läufe der Gewehre auf das dichte Grün des Waldes gerichtet. Wartend, dass jeden Augenblick ein braunes Monstrum herausbrechen würde.
Doch das Denken kehrte auf den ersten Schrecken schon bald zurück. Höchst ungewöhnlich, dass gleich zwei Bären sie belauern sollten, dachte wohl einjeder.
»Wahrscheinlich Rotwild«, flüsterte Hans Edler.
»Na los, Herbert, du wolltest die Waffe sowieso ausprobieren«, sagte Christian Pingel gedämpft und nickte voraus auf den Pfad. Das saß nun ein ordentliches Exemplar von einem Waldhasen und beäugte die Männer.
»Du denkst doch nicht, dass der das war?«
»Natürlich nicht! Aber schaden kann es auch nicht, wenn wir dem Bären auch noch einen blutenden Köder anbieten.«
Herbert schwenkte sekundenschnell die Waffe herum, dann verharrte er zwei Sekunden fürs Zielen, wobei er immer den Atem anhielt und den Kolben fest in die Schulter zog, um nicht zu verreißen. Kimme und Korn auf einer Ebene, nicht verkannten!
Ein Schuss peitschte durch den frühen Morgen. Der Hase schlug einen doppelten Purzelbaum und blieb liegen. Dann brachen zwei Hirschkühe aus dem Dickicht hervor und flohen auf den Weg, den die Männer gekommen waren.
»Guter Schuß, Herbert, ich will ab jetzt immer neben dir gehen«, jauchzte Christian Pingel, aber das letzte Wort verschluckte er fast in einem Lachanfall.
»Jetzt weiß wenigstens auch die letzte Kreatur, dass wir hier sind«, bemerkte Hans Edler weniger freundlich.
»Hab dich nicht so, das werden die schon wieder vergessen«, bekam er daraufhin vom Alten auch prompt zur Antwort.
Als sie dann den Hasen betrachteten, konnten sie nicht mehr viel davon gebrauchen, das Geschoß hatte das Tier regelrecht zerfetzt.
»Wir sollten für den letzten Weg die Reste des Hasen verteilen«, schlug Hans Edler vor und erntete vollständige Zustimmung.
Es war bereits siebzehn Uhr durch, als sie den Unterstand erreichten. Sie hatten länger getrödelt als geplant. Hans Pingel band das Schaf sofort an den Kiefernstamm, der gute zwanzig Schritt von den Schießscharten entfernt war.
Der Unterstand selbst war ein in die Erde versenktes kleines Haus, was an allen vier Seiten Schießscharten statt Fenster hatte. Das Dach, was den Waldboden nur um einen halben Klafter überragte, war von Moos bewachsen und somit gut getarnt. Der Eingang war unter einer Klappe verborgen, die an einem der beiden kurzen Giebel verborgen war. Eigentlich war das Ganze ein luxuriöser Schützengraben, denn im Innern, wo die Jäger aufrecht stehen konnten, gab es an den Längsseiten zwei Holzbänke. Und auch ein Eimer für die Notdurft, wenn es denn nicht anders ging, war vorhanden.
Zunächst durchstreiften sie die nähere Umgebung, um sich ein Bild vom Gelände zu machen. Wenn sie im Dunkel raus mussten, wollten sie wissen, wo das hier lang ging. Zudem wollten sie sich vergewissern, ob die Kratzspuren des Bären frisch waren.
Als die Männer und auch Wotan dann in den Unterstand herabgestiegen waren und sich auf die Plätze verteilten, ließ Christian Pingel seinen silbernen Flachmann kreisen und stimmte alle auf den erfolgreichen Ausgang der Jagd ein. Und dann war er auch bereit, Herberts Frage nach dem Gewehr zu beantworten.
»Immer, wenn ich dieses Gewehr sehe, muss ich an meinen Bruder Herbert Pingel denken, was mich immer traurig macht. Daher verbannte ich es vor einiger Zeit in den ausgedienten Uhrenschrank und nahm es nur zu seinem Geburtstag heraus, um dann auf die Wiese zu gehen, es abzufeuern und ordentlich zu reinigen. Das habe ich aber nun auch schon drei Jahre nicht mehr getan. Natürlich nur das Hinausgehen und das Schießen, gereinigt habe ich es trotzdem an seinem Geburtstag.«
»Darüber haben wir nie gesprochen, wann war denn sein Geburtstag?«, fragte Albert Pingel, der seinen Onkel nicht mehr gesehen hatte und dem die ungewohnte Redseligkeit seines Vaters verblüffte.
»Heute, mein Junge, heute am 16. Juni!«
Betretenes Schweigen kehrte augenblicklich ein, aber bevor Christian Pingel melancholisch wurde, übernahm er schnell wieder das Wort: »Ich habe euch von Peter van Dyck erzählt, dessen Familie in den Burenkriegen zu Tode kam. Der Bure war zu alt, eine neue Familie zu gründen, daher schloss er sich der deutschen Schutztruppe an und diente nun unter meinem Bruder Herbert, der Zugführer war. Die beiden wurden sogar Freunde, wie ich aus den späteren Briefen entnahm. Van Dyck schrieb, dass am 12. Januar 1904 die zusammengerotteten Herero damit begannen, Farmen weißer Siedler zu überfallen. Das war für die Betroffenen die schlimmste Hölle! Den Farmern schnitten sie Nase, Ohren und Geschlechtsteil ab. Einfach so!
Und dass die Situation äußerst bedrohlich wurde, zeigte die Tatsache, dass die Herero auch öffentliche Einrichtungen, wie Bahnhöfe und Brücken zerstörten, ja sogar Polizei- und Militärposten stürmten. Van Dyck hatte sehr ausführlich darüber berichtet. Er meinte, dass wenigsten 8000 Herero und Ovaherero und dann auch noch andere Stämme, wie die Owambos an den Plünderungen beteiligt waren – insgesamt Zehntausend Krieger
Jedenfalls machte Generalleutnant von Trotha mobil, ließ aus Europa Verstärkungen antanzen, und konnte so zunächst zwei Feldregimenter mit etwa 4000 Mann dagegen setzen. Der Kampf wurde für beide Seiten äußerst verlustreich. Die Übermacht des Feindes war derart, dass sogar alle Offiziere und Regimentsschreiber in die Kampfront traten. Zu Dutzenden verlor die Schutztruppe ihre Führungskräfte und konnte nur dank der Feldartillerie und der Maschinengewehre einen Totalverlust verhindern. Die aufständischen Herero gerieten am großen Waterberg zwischen zwei, von ihnen selbst eingekesselte, deutsche Einheiten, die sich in Rundumverteidigung befanden. Und die sie immer wieder bestürmten, weil die Deutschen nun an den Wasserlöchern saßen. Diese zu halten, oder zu verlieren, entschied hier über Leben und Tod! Mein Bruder Herbert, euer Onkel, fiel bei dem Kampf am 11. Juni 1904. Peter van Dyck überlebte und nahm meinem sterbenden Bruder das Versprechen ab, mir die Geschichte zu erzählen, was er in seinen Briefen sehr ausschweifend tat. Das Gewehr hatte er bereits dem ersten Paket beigelegt.«
Christian Pingel ließ nochmals seinen Flachmann kreisen, damit jeder sich einen ordentlichen Schluck von dem edlen Weinbrand einverleibte. Herbert glaubte, dass es schon die zweite Flasche war. »Wie stark war der Feind?«, fragte er dann. »Hat van Dyck darüber geschrieben?«
»So genau wusste das niemand, auch nicht van Dyck. Sie gingen jedoch von zehntausend Kriegern aus, die mit modernen Repetiergewehren bewaffnet waren. Hinzu kamen ihre Frauen und Kinder, alles Volk soll sich am Waterberg versammelt haben, um die Tausenden geraubten Rinder zu tränken. Weil auch die deutsche Schutztruppe nicht ausreichend mit Wasser versorgt war, begann ein mörderischer Kampf um die Wasserlöcher. Und weil es den deutschen Abteilungen gelang, einige Wasserlöcher zu erobern, stürmten die Herero immer wieder an, aber das sagte ich ja schon.«
Christian Pingel nahm nun auch einen kräftigen Schluck von dem Weinbrand. »Aber van Dyck schrieb etwas von einer Katastrophe! Durch das Feuer der Artillerie drehten wohl die von den Herero zu Tausenden geraubten Rindviecher durch und trampelten bei ihrer Flucht in die nahe Wüste ganze Familien zu Tode!«
»Aber wie kamen die Herero zu Repetiergewehren? Sie konnten doch nicht alle bei den Überfällen erbeutet haben!«
Christian Pingel sah Herbert an.
»Die Antwort sollte doch wohl auf der Hand liegen, mein Junge.«
»Von den Engländern?!«
Christian Pingel klatschte wie gewohnt in die Hände. »Von Dyck sprach davon, dass sie bei den getöteten Feinden Waffen der britischen Armee gefunden hatten.«
»Ihr seid zu laut«, bemerkte Hans Edler.
»Der Junge hat Recht«, bestätigte der alte Pingel selbst und übertrug nun Albert die Aufgabe das Ziellicht an den Baum zu hängen, da das Tageslicht allmählich verschwand.
»Ich gehe da jetzt nicht allein raus.«
»Komm, ich gebe dir Feuerschutz«, sagte Herbert und schon verließen beide den Unterstand und stiegen die sechs Stufen zum Waldboden hinauf.
Albert leuchtete mit der Petroleumlampe zunächst in alle Richtungen, die Herbert mit dem Gewehrlauf folgte. Als sie zum Baum kamen, sahen sie in den Augen des Schafes bereits die Todesangst. Albert hängte die Lampe an einen geeigneten Ast, aber bekam von Hans Edler sofort den Wunsch geäußert, die Lampe höher zu hängen, was er dann auch tat. Mit den Fingern der rechten Hand fuhr er nun ehrfürchtig über die Narben in der Baumrinde, die der Bär hinterlassen hatte. Fingertiefe Furchen hatten die Krallen hier eingepflügt. Dann kniete er sich nieder zum verängstigten Tier: »Musst dich nicht fürchten, Onkel Herbert wird den Meister Petz schon abknallen, bevor der dich verspeist!«
»Mit Onkel Herbert musst du jetzt aber vorsichtiger sein.«
»Na klar«, Albert schlug sich die Hand vor die Stirn. »Das sollte ich lieber nicht mehr sagen.«
»Hat er euch nie von seinem Bruder erzählt?«
»Zumindest nicht diese Geschichte, die hörte ich heute ebenso zum ersten Male.«
Albert erhob sich.
»Er ist schon sehr verwunderlich, mein alter Herr.«
Herbert kommentierte das nicht.
Die beiden stiegen in den Unterstand zurück und sahen nun selbst, dass die Lampe vortrefflich plaziert war.
»Was, wenn heute Nacht das Licht ausgeht, weil das Petroleum alle ist?«, fragte Albert.
»Dann gehst du raus und hängst die zweite Lampe an«, entgegnete sein Vater.
»Nie im Leben!«
Dieses Mal konnte Christian Pingel sein Lachen gerade  noch unterdrücken, was Hans Edler Anlaß war, nochmals darauf hinzuweisen, dass ab jetzt nicht mehr gesprochen werden sollte.
Herbert sah unter dem Licht von Pingels Feuerzeug auf seine Taschenuhr: 20 Uhr Zwölf.
Auf dem freien Felde hatte man um diese Zeit noch genügend Licht, hier jedoch, in der Tiefe des Waldes, war es beinahe stockfinster. Nur schemenhaft konnten die Männer einander erkennen. Hans Edler und Albert Pingel gingen die erste Wache, die zweite bestand aus Herbert Bründel und Hans Pingel. Der alte Pingel wollte nur geweckt werden, wenn wirklich was Spannendes passierte, wie er es formulierte. Alle zwei Stunden wollte man sich abwechseln.
Die Nacht war nun richtig schwarz, von den Sternen am Firmament konnte man unter dem Blätterdach nichts sehen. Einzig die Petroleumlampe gegenüber zeigte ihnen an, dass da noch eine Welt war. Und in dieser Welt war ein unschuldiges Schaf an einen Baum gebunden und fürchtete sich fast zu Tode. In dieser Welt ging ein Monstrum um, was willkürlich nach Beute spähte, um sich diese einzuverleiben. Und in dieser Welt saßen vier junge Männer in einem Graben, der auch ein Grab sein könnte, um das Monstrum zu besiegen, das das unschuldige Schaf zu Tode ängstigte.
Die Bestie war der Krieg und das Schaf war Europa. Die jungen Männer waren die Hoffnungen ihrer Familien, die mit aufgepflanzten Bajonetten gegen die Bestie anstürmten, bis sie erkannten, dass sie eigentlich in ihr eigenes Fleisch stachen, das nur von anderer Nationalität war. In der Ohnmacht der Erkenntnis sanken sie zurück in den Graben – in das Grab! Denn die Bestie triumphierte... und das Schaf war tot!
Herbert Bründel erwachte aus seinem Traum. Kalten Schweiß wischte er sich von der Stirn. Verzweifelt versuchte er, den letzten Gedanken wieder einzufangen, aber es gelang ihm nicht.
»Was ist mit dir?«, fragte Hans Edler, der ihn weckte.
»Keine Ahnung, habe irgendwas geträumt...« Herbert rieb sich die Augen. »Wieviel Uhr ist es?«
»Halb Drei.«
»Wo ist Hans?«
»Der ist schon draußen bei seinem Bruder, die beiden starren in die Dunkelheit.«
»War was?«
»Wolfsgeheul, aber in der Ferne.«
»Bleibt dein Hund die ganze Nacht wach?«
»Der ist doch nicht verrückt, der düst immer ein. Aber keine Sorge, sein Geruchsinn bleibt in Alarmbereitschaft.«
»Ich nehme dich beim Wort.«
Das war die Übergabe. Jetzt kauerten sich Albert Pingel und Hans Edler auf die Holzpritschen. Natürlich vorsichtig, bloß nicht den alten Pingel wecken.
Herbert verließ jetzt den Unterstand, aber da Hans Pingel den Platz im Graben bereits ausfüllte, stieg er auf die Stufen und setzte sich auf die abgestützte Grabenkante, das Gewehr legte er sich auf die Schenkel.
»Wie geht's dem Schaf«, flüsterte er.
»Liegt da wie tot, pennt bestimmt.«
Wotan hob kurz seinen Kopf und begrüßte den neuen Begleiter durch ein kurzes Beschnuppern.
Nach einer ganzen Weile des Dahinstarrens in die Dunkelheit, die dem Horchen auf jedes Geräusch geschuldet war, kam Hans Pingel noch dichter an Herbert heran.
»Sag mal, hast du was mit meiner Schwester? Die ist seit dem Tage deines Briefes wie verwandelt, irgendwie verrückt! Und letzte Nacht habe ich sie...«
»Ich liebe Marie!«, kam Herbert den letzten eindeutigen Worten seines Freundes zuvor.
»Der Herbert«, sagte Hans darauf mit seltsam erhobener Stimme. »Wann willst du den Alten fragen?«
»Am liebsten gleich, aber da ist noch was anderes...«
»Was denn?«
Die Antwort blieb aus. Beiden war am Verhalten des Hundes sofort klar, dass sich hier etwas in der Dunkelheit verbarg. Auch das Schaf war urplötzlich aufgesprungen und versuchte zu fliehen, was der Strick jedoch verhinderte. Daher begann es jämmerlich zu blöken.
»Los, wecke die anderen!«, kommandierte Herbert. Dann stieg er in den Graben vor den Unterstand und nahm das Gewehr schräg vor die Brust. »Komm, rein!«, hörte er Hans Edler nach einer kurzen Weile zischen.
Die Pingelbrüder und ihr Vater waren fast in Panik. Wotan wurde nun angebunden, damit er die Sache nicht noch zusätzlich komplizierter machte.
»Wo ist die Bestie? Ich kann die doch schon riechen!« Christian Pingel war bemüht, leise zu sprechen, aber das gelang ihm nicht.
»Still!«, zischte Hans Edler deshalb, »er ist genau über uns!«
Den Männern gefror fast das Blut in den Adern, und nun war da auch das grauenhafte Kratzen auf dem Dach des Unterstandes.
»Los Jungs, ballert ihn durch das Dach nieder!«
»Bist du verrückt?!«, fuhr Hans Edler den alten Pingel an. »Da sind überall Bauklammern drin, durch die Querschläger würden wir uns hier drinnen alle selbst umlegen!«
»Was sollen wir dann tun?«
»Warten!«
»Warten?«, fragte Christian Pingel entsetzt.
Hans Edler rollte mit den Augen, was aber niemand sah. »Wenn er das Schaf packt, gehen Herbert und ich raus und bringen ihn zur Strecke«, legte er darum fest.
»Warum erledigen wir das nicht von hier aus?«
»Wir sind doch keine französischen Heckenschützen! Wir gehen raus und kämpfen mit ihm!«
Darauf bekam Hans keine Erwiderung, darum fügte er hinzu: »Herbert und ich gehen raus. Ich verpasse ihm zuerst eins mit meiner Flinte, das wird ihn wahrscheinlich wütend machen. Er wird uns angreifen. Und Herbert ballert ihn mit dem Repetiergewehr nieder. Nur für den Fall, dass alles schief geht, schmeißen wir uns draußen flach hin, und ihr feuert was das Zeug hält. Aber nur dann, habt ihr verstanden?!«
Die Pingelbrüder stimmten zu.
Bange Minuten vergingen. Der Bär rührte sich nicht von der Stelle, aber seine Gegenwart war erdrückend! Sein schnaufendes Atmen, das abwechselnde Heben und Senken der Tatzen, was dann auf dem Dach ein Kratzen hören ließ, fuhr ihnen gehörig in die Glieder. Alle Pingels bekreuzigten sich und flehten Gott um Beistand an. Herbert wunderte sich, dass Hans Edler genau das nicht tat.
Wotan winselte und das Schaf krepierte vor Angst. Die Erschütterung des Waldbodens ging ihnen durchs Mark, als der Bär vom Dach sprang und auf das verendete Schaf zulief.
»Los raus jetzt!«, befahl Hans Edler.
Herbert stürmte die Stufen des Grabens empor. Das Gewehr im Anschlag ging er vorsichtig auf dem weichen Boden seitwärts, um Hans Edler Platz zu geben. Sein Herz klopfte ihm bis zum Hals, und er fürchtete, dass seine Finger den Dienst versagten. Der Bär war zwölf Schritte vor ihm, dann trat er auf einen Zweig, der die mörderische Stille durchbrach.
Der Bär drehte sich um und richtete sich auf. Ein unglaublich beängstigendes Brüllen fegte über die Männer hinweg, und Herbert glaubte, den wilden Atem des Tieres auf seinem Gesicht zu spüren. Das Maul weit aufgerissen, den Kopf schräg haltend, mit den dolchartigen Krallen drohend, stand der König des Waldes vor ihnen. Diesen Anblick würde keiner je vergessen.
Ein donnernder Schuß ging ab! Hans Edler hatte beide Läufe zu gleich abgefeuert. Der Bär fiel auf die Vorderpranken zurück, aber er stürzte nicht. Sein Brüllen wurde noch lauter, und in seinem entsetzlichen Wundschmerz lief das Tier nun auf sie zu.
»Schieß doch, schieß doch, schieß doch...!«, brüllte Hans Edler verzweifelt. Aber Herberts Finger waren wie Stein.
In Bruchteilen von Sekunden lief sein Leben vor ihm ab. Gesichter von Menschen, die ihm etwas bedeuteten, flogen orkanartig an seinem geistigen Auge vorbei. Doch das Bild von Marie verharrte!
Dann schoss er...
Eins, zwei, drei...
Vier Schüsse krachten und zertrümmerten den riesigen Schädel des Bären, der nur vier Schritte vor ihnen zusammensackte und verendete.
Hans Edler sank auf die Knie, auch er wäre fast gestorben!
Und er wollte gar nicht mehr wissen, wie Herbert so schnell durchladen konnte. Er starrte ihn mit leeren Augen an, die trotz der Dunkelheit leuchteten und immerfort flehten: schieß doch, schieß doch...
Und Herbert lud die Waffe ein weiteres Mal nach und ließ die abgeschossene Hülse herausspringen.
»Jungs, ich hätte mir fast in die Hose geschissen«, brüllte der alte Pingel, der augenblicklich aus dem Unterstand stürmte, um ihnen kräftig auf die Schulter zu klopfen.
Herbert stellte seinen Fuß auf den Körper des leblosen Bären: »Christian Pingel, ich halte hiermit um die Hand deiner Tochter Marie an«, sagte er dann so bestimmt, wie er noch nie etwas gesagt hatte in seinem Leben...

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